Es durchfährt mich, daß ich zum erstenmal einen der Gefangenen mit Vornamen und„du‘ anrede. Doch es verwirrt mich nicht. Es macht mich nicht wie ein übereiltes Wort verlegen. Denn das Dunkel dieser Zeit gibt ‘uns die Freiheit, die Gebundenheit der Form zu brechen und die Sprache des Herzens zu sprechen.
Frederik ist krank. Seine Augen sind ohne Glanz. Er hustet trocken, er räuspert sich. Er ist so heiser, daß er kaum zu sprechen vermag:„Habt Dank dafür, daß ich Bibliothekar werden soll. Doch es geht nicht. Es würde bedeuten, daß ich.jeden Tag zwei Stockwerke hinauf- und hinunter- gehen müßte. Dazu bin ich zu"schwach——.” Wieder hüstet er. Nür mit Anstrengung spricht er weiter. Etwas von der alten Entschiedenheit klingt durch seine Worte, als er sagt:„Ich bitte nur um eins. Laßt mich dort, wo ich bin.” i
Der Pfarrer sieht ihn forschend an:„Dir fehlt etwas, Frederik?"
Aber Frederik hebt abwehrend die Hände:„Es ist nichts!”.Und er ver sichert noch einmal, als ob es nicht nur gelte, uns zu überzeugen:„Es ist
nichts.“
Ich glaube, Frederik ist sehr krank. Ein Blick des Pfarrers sagt mir, daß er das gleiche denkt. Wir müssen sofort handeln. Zufällig steht. draußen auf dem Gang der Oberinspektor. Wir holen ihn herein. Scham- gefühl steigt in mir auf, als ich Frederik bei seinem Eintreten aufspringen und strammstehen sehe.— Der Oberinspektor setzt sich auf Frederiks Stuhl. Frederik bleibt stehen. Da erhebe ich mich und bitte ihn, in meinem Lehnstuhl_zu sitzen. Der Oberinspektor macht erstaunte Augen, doch er steht sofort auf. x
„Sehen Sie, Herr Oberinspektor. Wir haben den Eindruck, daß dieser
Mann sehr krank ist. Er muß gründlich untersucht werden.”
Der Oberinspektor ist anderer Meinung. Und wie kann es auch anders sein? Er sieht jeden Tag so viele ausgemergelte Menschen, daß er an Frederiks Zustand nichts Auffallendes findet. Er sieht ihn an, klopft ihm auf die Schulter und sagt mit einem leichten Augenzwinkern, als spreche er zu einem Kinde:„Ich weiß, was dir fehlt. Du hast eine häßliche Jacke an. Die Ärmel sind zu kurz, und ein Riß ist darin. Gar kein Anblick für eine Dame. Du gehst jetzt in den Keller und läßt dir eine größere Jacke geben."
Jacken, die Risse haben, werden in die Kleiderkammer zur Ausbesserung geschickt.‘Alles hat seine Ordnung. Der Fall ist erledigt. Auch ein freundlicher Oberinspektor hat seine Grenzen!|:
Doch Frederik selbst macht es uns schwer, ihm zu helfen. Hustend und mit einer vor Heiserkeit versagenden Stimme versichert er uns, daß er über nichts zu klagen habe.—
164


