Hinter der vorgehaltenen Hand blättere ich in der Kartothek. Die neu-
eingelieferten Gefangenen müssen besucht werden. Name auf Name—
hinter jedem Namen ein Schicksal. Hinter jedem Namen eine Familie, die auf die erste Nachricht wartet.
„Und nun die Besonderen——.
Merkwürdig halbe Sätze. Schon längst beachten uns Kolp oder Willi nicht mehr. 5:
Die„Besonderen kommen auf die Liste— Gefangene, die in ihrem Brief an die Angehörigen um einen Besuch vom Pfarrer bitten.„Könnt Ihr nicht an den Pfarrer in Hamburg schreiben, daß er mich besucht—." Es ist eine stillschweigende Vereinbarung zwischen den Gefangenen ünd mir, -daß sie dies nur schreiben, wenn sie etwas Besonderes auf dem Herzen haben. x
Zu dieser frühen Vormittagsstunde sind wir im Restaurant die einzigen Gäste. Gelangweilt lehnt Willi am Büfett und gähnt. Unter den Arm hat ‘er sich ein Wischtuch geklemmt, das mich jedesmal an das Halstuch der Gefangenen erinnert. Die weiße Kellnerjacke von Willi ist fleckig und grau, aber immer langt die Kriegsseifenration zu diesem frischgewaschenen Tuch!
„Und die Zusammenstellung?” sagt der Pfarrer.
Ein neuer Bogen. Es ist nicht damit abgetan, eine Liste der zu be- suchenden Gefangenen aufzustellen. Wir besuchen zwei oder drei Ge- fangene zusammen. Auch hier eine Möglichkeit zur Hilfe! Im Besuchs- zimmer treffen sich Vater und Sohn, die sich seit Monaten, manchmal seit Jahren, nicht wiedergesehen haben; Freunde, die in Einzelhaft sitzen.
Wie wollt ihr aber bei den vielen Hunderten wissen, wer mit wem be- sonders befreundet ist? Sagte ich nicht schon, daß ich die Briefe aufmerk-
sam lese? Es ist Absicht, daß wir die Gefangenen selbst nicht fragen, mit wem sie das nächstemal im Besuchszimmer zusammentreffen wollen. Wer hören will, errät auch ohne Fragen!
Olaf steht auf der Liste, weiter unten. Kristen. a, der zweiten Liste
rücken sie nebeneinander.®
Das Restaurant ist unter Gleis und Bahnsteig eingebaut. Ein Zug rollt darüber. Uber Tisch und Siühle geht eine zitternde Welle.„Zwanzig nach zehn“, sagt der Pfarrer.„Wir müssen gehen.“:
Doch er öffnet noch einmal die Mappe und holt die Akte hervor:„Fast
_ vergesse ich die Hauptsache. Wir müssen Frederik besuchen.”
Frederik?‘Seit er in Rendsburg ist, haben wir ihn noch nicht wieder- gesehen. Zu viele andere stehen auf der Liste. Frederik ist durch ein Ver- sehen in eine Gemeinschaftszelle gekommen. Die langen Monate der Binzel- haft sind überstanden. Erleichtert habe ich aufgeatmet. Noch steht mir
Erinnerung. Als ich ihm vorstelle, daß bei einer noch länger andauernden


