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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Die sonst stillen Straßen des Krieges sind unruhevoller als in den Tagen des Friedens. Zum erstenmal rollen über eine deutsche Stadt Groß- angriffe. Doch noch arbeitet die Propagandamaschine. Sie prägt ein Schlagwort, das zwar die Vernichtung zugibt, sie aber als etwas Ein- maliges, nie mehr sich Wiederholendes darstellt. Sie nennen esKata- strophe.-

Lautsprecherwagen und die in panischer Hast gedruckten und heraus- geschleuderten Lappen sprechen von Hamburgs Katastrophe.

Die Katastrophe ein Unglück etwas Unvorhergesehenes! Wer: könnte die Partei dafür zur Verantwortung ziehen? Höhere Gewalt!

Je größer aber die Wirrnis wird, desto mehr schwindet die braune Farbe aus dem Bild der bunt wimmelnden Straße. Erst fällt die braune Jacke. Um den Ärmel eines zivilen Jacketts wird die weiße Binde ge- schlungen. Die braune Hose wird durch Breeches ersetzt.

Und schließlich wird auch das braune Herz von der Glut der roten Flammen angeleckt! Der kleine Propagandaredner, der noch vor einer - Woche für den Führer durchs Feuer ging, hat bleichen Gesichts im Bunker Quartier bezogen und sagt:Hier kann nur noch Gott helfen!"

Das Grün der sommerlichen Allee ist welkes Braun geworden. Müde bedecken die ermatteten Blätter das schmutzige, sattrote Gestein. -

Ein Zug von Gefangenen zieht die Mauer entlang. Träge geht ein Grüner daneben. Er sagt:In einigen Wochen ist es Ende.

Es donnert durch die Allee. Lastwagen folgt auf Lastwagen, vollgestopft mit Menschen. Bleiche, müde Gesichter. Die Straße ist schmutzig; Staub, Papier, silberne und verkohlte Streifen.

Ein Gefangener bückt sich und hebt einen Zettel auf. Der Grüne kommt angelaufen:Gib her!"

Doch schon sind die Augen des Gefangenen Gerdbergegnten:Kein

Flugblatt. Nur ein Aufruf von Eurem Gauleiter!" Ach! Mit einem Fluch wirft der Grüne es fort.

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Seit zwei Nächten stehen die Türen der Zellen des Zuchthauses offen! Die Gefangenen dürfen sich beim Angriff auf den Gängen und: Brücken des ersten Stockes aufhalten. Die Grünen und die Verwaltung haben sich in die schützenden Verließe des Kellers geflüchtet.

Tagsüber bleiben die Pritschen heruntergelassen. KeinAuge wacht mehr darüber, was in den Zellen vorgeht.

Als der Brand den Mauern des Zuchthauses näherrückt, öffnet sich des Nachts das Tor. Die Gefangenen ‚gehen hinaus. Sie fliehen nicht, denn. wohin sollen sie gehen in dieser schwelenden, rauchenden Stadt? Sie helfen. Sie tragen Möbel aus brennenden Häusern, graben Zügänge zu verschütteten Kellern. Niemand zwingt sie dazu.

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