Ich stehe auf und sage:„Mit Ihnen möchte ich nicht darüber ver- handeln. Ich bin nur dem Chef verantwortlich. Ich werde ihm sofort diese Angelegenheit vortragen.“ S
Die Wirkung könnte nicht besser sein. Erregt springt Fuchs auf. Er weiß, daß jetzt er einen Fehler gemacht hat. Er hat den Chef übergangen, er hätte die Meldung an ihn weiterleiten müssen.
Er lenkt ein. Doch kurzentschlossen eile ich in den ersten Stock. Ohne Anmeldung trete ich beim Chef ein.
„Nanu, was gibts?” fragt der Regierungsrat und sieht mich erstaunt an, „Sie kommen übrigens wie gerufen. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.“
Ein neuer Schreck durchfährt mich. Sollte noch etwas anderes vorge- fallen sein?:
Aber der Chef fährt fort:„Es handelt sich um den Kapitän. Der Ge- fangene, den er besuchen will, ist ein Schiffsreeder. Der Kapitän hat von einer ‚norwegischen Firma den Auftrag bekommen, ihn wegen neuer Schiffs- bauten zu Rate zu ziehen."
Er senkt’die Stimme und wird geheimnisvoll:„Es ist in Deutschlands In- teresse, wenn Schiffe gebaut werden. Lassen Sie daher den Mann, eine Stunde sprechen, nein, überhaupt so lange, wie sie wollen.” Er ereifert sich: ‚Eine Flotte brauchen wir.. Das habe ich schon im Weltkrieg gesagt. Und warum haben wir ihn verloren?— Eben weil unsere Flotte nicht groß genug war!“
Er reibt sich zufrieden die Hände, als ob er durch seinen Einfall, den
‘ Kapitän möglichst. lange sprechen zu lassen, entscheidend zum Siege
beitrage.
Ich atme auf. Die Stimmung des Chefs ist gut. Ich trage ihm meinen Fall vor. Da umwölkt sich zwar seine Stirn, doch als erstes sagt er:„Das geht Fuchs nichts an! Warum meldet man es nicht mir?"
Dann scheint er sich zu besinnen. Langsam dringt es. durch die. großen Poren des etwas zu schwammigen Gesichts, das noch eben breite, lächelnde
Falten zeigte. Seelsorge— die Poren atmen es ein. Wie? Seelsorge? Der.
Wulst auf der Stirn wird dicker. Die Stimme ist kühl-amtlich:„Wie kommen Sie dazu? Bis jetzt habe ich Ihnen vertraut. Wie konnten Sie das zulassen?"
„Ich habe mich geirrt”, gebe ich zu.„Aber so wie Sie beim Abschied ‚Heil Hitler ’ sagen, so liest der Pfarrer aus dem Testament."
Der Regierungsrat sieht mich an, als ob er sich nicht schlüssig werden kann, ob er brüllen oder lachen soll.
„Ich werde den Fall noch einmal neruchen. Merken Sie sich aber für alle Zeiten—-" die Stimme mir gegenüber erhebt sich zum donnernden Rollen:„Nicht Gott — der Führer hat hier die Macht!"
Durch das offene Fenster dringt schlurendes Pantinengeklapper. Der Regierungsrat steht auf.„Also— Heil Hitler!"
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