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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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seine Freilassung abhinge. Seine fragenden Augen quälen mich. Sie stellen

eine andere Frage als Oles Augen auf Zune Der Btegie:Wie lange noch?

Doch in den Augen des Rechtsanwalts liegt alle Unsicherheit und Un- gewißheit eines Untersuchungsgefangenen des Dritten Reiches . Wird er der Gestapo überwiesen, oder wird ihn die Justiz aburteilen? Es gehört Mut dazu, draußen das System aktiv zu bekämpfen, drinnen ist es aus- schließlich eine Frage der Nervenkraft, wie lange ein.Untersuchungsgefan- gener der Gestapo standhält. Das monatelange Warten auf die Aufnahme des Verfahrens hat dieselbe zermürbende Wirkung wie ein stundenlanges Kreuzverhör.

‚In den ersten Wochen ist die Gewichtsabnahme ruckartig. Dann geht.

es langsam bergab. Und dann iritt ein Stillstand ein Körper und Seele dämmern in stumpfer Gleichgültigkeit: Mag da kommen mit mir, was will!

Alles, was an jenem Sommertage geschieht, hat sich mir eingeprägt.

"Als der Pfarrer zum Schluß das Testament hervorzieht, hebt der Unter- suchungsgefangene wie abwehrend die Hände.

Nein, nein!" ruft er..Das nicht! Als ich noch draußen war, habe ich nicht, auf Gottes Wort gehört. Müßte ich mich nicht schämen, wollte ich jetzt, da es mir schlecht geht und ich nicht weiß, was aus mir wird, Gottes Hilfe erbitten?

Wie Angst liegt es in seinen Worten. Noch gehöre ich zu denen da draußen! Noch bin ich derselbe wie damals!

Oder sollte es keine Angst sein, sondern Stolz, auch 5 der Not nicht in der einmal gewonnenen Überzeugung zu'wanken? Der eben noch so

_ unstete Blick wird freimütig und entschlossen. Und dieser Augenblick wird mir ebenso unvergeßlich wie der im Besuchszimmer des Zuchthauses Fuhls- büttel, als Frederik unvermittelt, nachdem der er aus dem Testament

vorgelesen.hat, anfängt zu beten.

Der eine lehnt Gottes Wort ebenso entschieden ab, wie sich der andere dazu bekennt. Zu beidem gehört Mut, wenn man Gefangener ist!

Kaum bin ich zu Hause, da klingelt das Telephon. Heil Hitler ! Hier Fuchs. Kommen Sie bitte gleich ins Zuchthaus. Ein norwegischer Kapitän hat eine geschäftliche Unterredung mit einem der

Gefangenen beantragt. Und außerdem", die Stimme kommt ins Krächzen, ee ich Sie sowieso vorladen. Ich habe mit Ihnen. zu sprechen."

Ein eisiger Schreck durchfährt mich. Vorladen? Das Klingt nach Ge- stapo, nach Untersuchung und Verhör.

Ich habe meinen Strohhut auf, doch von der Stirn tropft es.

Ich fühle mich seltsam bedrückt. Irgend etwas lastet auf mir. Es mischt sich aus vielem. Die Hitze, das bevorstehende Examen, die unerwartete