Zum erstenmal in seinem achtzehnjährigen Leben bekommt Ole einen Brief. Seit einem Jahr steht er im Graben auf brauner Erde. Er hört die Flüche der Grünen und der Kalfaktoren, das Gebell des Wolfshundes, die flüsternd geführten Gespräche der Kameraden im Dunkel der Baracke, das bohrende Summen der Fliegen— er hört es und hört es nicht. Seine Augen sind weit offen, doch sie sind stumm und nach innen gerichtet. Ole wartet. Denn dies Leben im Graben ist nur ein böser Traum. Eines Tages wird er erwachen. Von den Schlachten dieses Krieges weiß er nichts. Seine Welt liegt weit, weit fort von hier, auf einer Insel im hohen Norden———
Dort donnert die Brandung. Du hörst sie bei Tag und bei Nacht. Du hörst sie, wo du auch bist auf der Insel. Und der Mensch schweigt. Da ist kein Baum oder Strauch. Nur düstere Felsen, schwarze Erde, tiefgrünes Moos und schreiende Möwen. Sie umkreisen rastlos die Insel, schreien
und ächzen. Dort tobt und wogt das Meer. Es fordert die Menschen. Es gibt sie zu-
"rück an die Insel oder verschlingt sie. Das Meer ‚spricht eine unerbittliche
Das Jahr ist lang. Die hellen Tage sind gezählt. Sie sind so hell, daß es auch des Nachts nicht dunkel wird. Ein Lächeln geht dann über die ernsten Gesichter. Doch die Brandung donnert: Auf das Licht folgt das Dunkel! Stumm gehen die Menschen ihrem Tagewerk nach.
Ole klettert in die Felsen. Er ist behende. Er findet mehr Möweneier als alle anderen Jungen auf der Insel.
Dann kommt der Tag, wo sein Vater sagt:„Du bist vierzehn Jahre alt." Er hängt Ole das Olzeug über. Es zieht ihn fast zu Boden, so schwer ist es.
Das Boot riecht nach frischer Teerfarbe. Im Hafen ist die Kraft des Meeres gebrochen. Aber wo die weitvorgeschobene Kaimauer zu Ende geht, wo die rote Lampe brennt, da fängt das Meer an. Das Boot kreuzt an der roten Lampe vorbei. Die Schiffspfeife tutet noch einmal langge- zogen klagend, als nehme das Boot Abschied.
Ole wird Fischer. Jedesmal, wenn sein Vater und er von der Fahrt heimkommen, ist der Eingang zur Hütte niedriger geworden. Wenn sie wieder gehen, schaut Oline ihnen nach. Dann tritt sie zurück in die Hütte und putzt die Lampe. Die Brandung donnert gegen die Felsen der Insel. Bald werden die Tage dunkel.
Eines Tages kommt Ole zurück. Er öffnet die schwere, holzverschlagene Tür. Seine Mutter tritt ihm entgegen. Die Petroleumlampe hüllt die Stube in ein müdes Licht.
„Du kommst allein?“ fragt Oline.
„Vater blieb auf dem Meer“, antwortet Ole. Er streicht seiner Mutter scheu über die Hand und sagt:„Ich bin bei dir. Du bist nicht allein."
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