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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Neben dem Spind steht ein Kübel mit abgestandenem Wasser. Fünf Waschschüsseln werden hineingetunkt. An einem Haken hängen sechs Lappen. Aber nur fünf werden gebraucht, um die Schüsseln nachzureiben.

Rolf wirft einen Blick auf den unbenutzten Lappen. Wie es wohl Ejvind geht?" sagt er. ,, Seinem Vater haben sie gesagt, er sei tot. Ich glaube es nicht. Vielleicht ist er sogar schon zu Haus."

,, Der Barbier hat gesagt

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Rolf lacht auf und sagt: ,, Halt! Mein Geheimfach!" Er sieht zum ,, Auge ". Er geht zur Tür und horcht zum Gang heraus. Es ist still. Da bückt er sich und zerrt an einem der Fußlappen. Heraus zieht er ein Röll­chen Priem. Drei Zentimeter lang.

Wie gebannt schauen die Kameraden darauf. Priem! ,, Woher?"

,, Frag nicht, nimm!" Das Röllchen geht in fünf Teile. Vier Hände strecken sich aus. In jede legt Rolf ein winziges Endchen. Vorsichtig greifen die Finger danach, bedächtig schieben sie es hinter die Zähne.

Nur der Deutsche hat seines noch in der Hand. Er wickelt es in ein Stückchen Papier und schiebt es in die offene Naht eines Ärmels. ,, Zehn Jahre!" sagt er. ,, Das kaue ich morgen."

Mittagsmüdigkeit liegt über der Zelle. Keiner ist satt, doch der Magen ist voll, und hinter den Zähnen ist Priem. Erst in einer halben Stunde wird die Glocke ertönen. Woher sie es wissen? Sie kauern schon viele Tage zur Mittagszeit auf den Schemeln.

Rolf sieht auf. Durch das Fenster schimmert das Blau des Himmels. Nun flattern einige Wölkchen vorbei.

Es wird Sommer!

Auf dem Gang klingen Schritte auf. Der Riegel knarrt zurück. Fünf Männer stehen stramm, die Hände an der Hosennaht.

,, Los! Ab!" hören sie den Grünen sagen. Eine Gestalt wird hereinge­schoben. Die Tür schnappt wieder ins Schloß.

Fünf Gefangene mustern ihn, der groß und schweigend an der Tür stehen bleibt, das Gesicht vernarbt und verbeult, die Nase plattgedrückt?" ,, Neu?" leitet Rolf die Unterhaltung ein. ,, Bist du Norweger?"

Da läßt sich der Große auf einen Schemel fallen. Er verbirgt das Ge­sicht in den Händen und schluchzt wie ein Kind.

Der Deutsche klopft ihm auf die Schulter. ,, Also ein Neuer! Sei erst einmal zehn Jahre hier!"

Aber der Große murmelt nur abgerissene. Worte vor sich hin: ,, Randi- Vater!" Er fährt mit den Fingern über die rauhe, vernarbte Haut, über das tiefe Tal der Nase. Die weitaufgerissenen Augen starren ins Leere. Stöh­nend bricht es aus ihm heraus: ,, Ich habe ein neues Gesicht bekommen!" Rolf begreift als erster: ,, Ejvind!"

Da ertönt der langgezogene, dünne Ton einer Glocke. Die Kameraden springen auf. Nur Ejvind bleibt sitzen. Über die schmerzenden Augen hält er die Hand.

!

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