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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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uns noch unser letztes Material wegnehmen!" Er reißt das Papier von Björns Gelenken, er fetzt es in kleine Stücke. ,, Heute keine Freistunde! Außerdem 1200 Papiertüten."

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Keine Angst! Björn wird 1200 Papiertüten kleben. Nicht, weil er den Grünen fürchtet. Aber Björn hat Hunger. In zwei Stunden gibt es einen Liter Suppe, und abends gibt es zwei Schnitten Brot. Björn weiß, was auf Nichterfüllung des Pensums steht. Essensentzug!

Wieder arbeiten die Hände emsig.

Ob Mama noch die Blaubeeren aufbewahrt hat? Vorigen Winter schrieb sie ihm, sie hätte ein Glas beiseitegestellt. ,, Das machen wir auf, wenn du kommst." Dazu müßte es Pfannkuchen geben, mit drei Eiern daran. Nein, vier! und Sahne und weißes Mehl

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Schwere Schritte auf dem Gang, Geklapper von Essensschalen. Die Tür geht auf. Die Waschschüssel steht schon bereit. Björn reicht sie hin. Die Waschschüssel ist gleichzeitig Eßschüssel!

Ein dicker Mann mit weißer Jacke nimmt Björn die Schüssel ab. Kein Kellner, ein Gefangener. Auch ein Zuchthaus hat Bonzen. Sie heißen Kal­faktor. Meistens werden Kriminelle zu diesem Amt ausersehen, denn poli­tische Strafgefangene sind die Schwerverbrecher des Dritten Reiches . Nur ungern wird ihnen eine Vergünstigung gewährt.

Der Kalfaktor ist gleich nach dem Wachtmeister der mächtigste Mann im Zuchthaus. Sein Zepter ist die Kelle. Geht sie tief hinunter in den Eimer, dann hält ein Freund ihm die Waschschüssel hin, denn unten liegt das Dicke: die wenigen Kartoffeln.

Doch Björns Kopf senkt sich nicht tief, als die Augen der Kelle folgen. Nur ein paar Kohlblätter schwimmen in der Schüssel. Und viel Wasser. Vorsichtig halten, damit nichts überschwappt! Der Riegel knarrt wieder vor. Björn setzt sich auf den Schemel und hört, wie es in der Nachbar­zelle rege wird. Zwei Zellen weiter wohnt ein Freund des Kalfaktors. Björn spürt es förmlich, wie sich die Kelle bis tief auf den Grund senkt, wie sie dann noch einmal gegen den Rand des Eimers gestützt wird, damit alles Wasser abfließen kann.

Björn löffelt die Suppe. Ab und zu umschließt er mit den vor Kälte klammen Händen die Schüssel. Sie ist nur lauwarm.

Zu Hause sitzen sie auch beim Essen. Die Eltern und Lillemor, seine Schwester. Nur sein Platz ist leer.

Die Waschschüssel ist schon wieder im Spind. Björn sitzt mit dem Rücken zum ,, Auge ". Über einen Bogen Papier gebeugt, zwischen den Fin­gern einen Bleistiftstummel. Woher? Ein Zuchthaus hat viele Kanäle, wenn auch die Zellentüren dreifach verschlossen sind. Vorige Woche war der ,, Barbier" da, um wie jeden Monat den Kopf kahlzuscheren. Vielleicht hat er den Stummel mitgebracht?

Erst in vierzehn Tagen darf Björn nach Hause schreiben. Aber mit un­gelenken Buchstaben kritzelt er schon heute: ,, Liebe Mama! Ich fange

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