,, Noch eins, Herr Regierungsrat! Die Angehörigen der Gefangenen schicken in ihren Briefen Zahnbürsten. Wäre es nicht möglich, diese zu Weihnachten auszuhändigen?"
,, Zahnbürsten? Wieso? In meiner Anstalt hat jeder Gefangene zehn Zahnbürsten!"
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,, Aber doch! Zehn Finger! Ist das nicht genug?" Der Chef lacht und ist wieder bester Laune. ,, Frohes Fest! Lassen Sie sich viel schenken!"
Freunde
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,, Auch in diesem Jahr kam Euer Weihnachtsbrief zu spät!" lese ich. nach Neujahr in den Gefangenenbriefen. Kaum brauche ich noch auf den Absender zu sehen. Ich kenne jede Schrift und versuche, mir ein Bild zu formen von dem Menschen, der sich hinter der Schrift verbirgt. Vielleicht werde ich nie erfahren, wie er in Wirklichkeit aussieht. Denn wie wäre es wohl möglich, daß ich als Frau mit den Gefangenen in persönliche Verbindung kommen könnte? Trotzdem habe ich von jedem meiner so nenne ich sie bereits im stillen eine genaue Vorstellung. Dies zum Beispiel ist Björns Schrift. Sie ist steil. Er muß noch sehr jung sein. Die Buchstaben legen sich ungelenk über das Papier: ,, Diesmal. gab's nicht einmal Erbsensuppe wie im vorigen Jahr. Heiligabend war wie jeder gewöhnliche Alltag. Dann aber kam Altjahrabend. Ich stieg auf den Schemel, nahm das alte Jahr und warf es zum Fenster hinaus. Ein verlorenes Jahr" Im nächsten Satz tanzen die Buchstaben wie ungeduldige Kinder über die Linien: ,, 1943 bringt die Freiheit, Mama! Ich glaube fest. daran." In meiner Kartei steht es anders. Björn ist zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Feindbegünstigung.
Hinter dieser Begründung verbirgt sich die Geschichte aller Freiheits-kämpfer: Wird ein norwegisches Schiff nicht in den Hafen zurückbeordert, wenn der Feind im Land ist; versucht man, nach England zu fliehen, um an der Seite der Freunde zu kämpfen; ist Juden zur Flucht verholfen worden, um sie vor dem Zugriff der Gestapo zu retten, oder hat ein mutiger Pfarrer von der Kanzel herunter eine Predigt gehalten über das Wort: Gott gab. uns nicht den Geist der Furcht Feindbegünstigung. 12 Jahre.
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Die deutsche Justiz hat jedes Maß verloren. Sie rechnet nur noch in Zehnern. Ein kurzer Überschlag über die Streifen in meiner Kartei enthält mehrere Jahrtausende Zuchthaus!
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sie
,, Lebenslänglich. Verbrechen gegen V. O." Wie oft lese ich in den Listen diesen Vermerk neben den Namen neueingelieferter Gefangener. Ich bekomme die Anweisung: V.O.- Leute sind besonders scharf zu über-
wachen!"
Was bedeutet V.O.? Die Erfahrungen der wenigen Monate, in denen. ich bis jetzt für das Zuchthaus gearbeitet habe, genügen nicht, um alle Abkürzungen zu verstehen. Es dauert geraume Zeit, ehe ich weiß, daß V.O. Verbrechen gegen Volksschädlingsverordnung heißt.
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