Aber vielleicht gelingt es mir doch noch, daß die Briefe zum Heiligen Abend in die Zelle gelangen! Ich bündele sie zusammen und bringe sie in das Zuchthaus.
,, Sie meinen wohl, wir hätten hier nichts anderes zu tun, als den Gefangenen Weihnachtsüberraschungen zu bereiten!" fährt mich der siebzigjährige Grüne an, als ich ihm Vorstellungen mache. ,, Erstmal die Kartei
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,, Und wann händigen Sie die Briefe aus?"
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, Vielleicht überhaupt nicht! Die in Norwegen glauben wohl, sie könnten zu Weihnachten Extrabriefe schreiben. Da haben sie sich aber geirrt. Die Kartei
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Die Kartei! Ich warte nicht, bis er zu Ende gesprochen hat. Auf dem Gang treffe ich den Chef. Er scheint guter Stimmung zu sein. Sie Weihnachten in einer Zelle verbringen?"
,, Wollen
,, Halten Sie denn keine Weihnachtsfeier für die Gefangenen ab?"" Der Chef sieht mich befremdet an. ,, Weihnachtsfeier? Für Ihre Norweger nicht."
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,, Findet sie statt im völkischen Sinn. Übrigens habe ich Ihnen denn das nicht seinerzeit gesagt?" Der Chef bittet mich in sein Zimmer. ,, Ganz besonders haben Sie in den Briefen auf Bibelstellen zu achten. Es dürfte Ihnen bekannt sein, daß sie zur Nachrichtenübermittlung dienen könnten
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In der Vase auf dem Schreibtisch sind einige Tannen. Der Chef bricht sich ein Zweiglein davon ab, und während er mit den kurzen knochigen Fingern Nadel für Nadel aus dem braunen Gerippe zieht, erklärt er mir: ,, Also nehmen wir an, der Gefangene schreibt: Liebet Eure Feinde. Da wissen wir von vornherein, daß dies ein Versuch ist, irgendeine gefälschte Nachricht in die Heimat zu schmuggeln. Denn", so sagt er abschließend und wirft den abgerupften Tannenzweig in den Papierkorb ,,, warum sollte er wohl sonst so etwas schreiben! Oder glauben Sie etwa, daß der Gefangene uns liebt?" Behaglich reibt sich der Chef die Hände: ,, Das soll er auch gar nicht, mein liebes Fräulein. Also achten Sie auf die Bibelstellen."
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,, Aber die Gefangenen bekommen doch eine Bibel ausgehändigt?" ,, Nein. Nur das Neue Testament. Die Bibel ist Judenlektüre und ist
nicht zulässig."
,, Und Seelsorge?"
,, Für die Ausländer nicht."
,, Auch keine Sterbesakramente?"
,, Warum wohl? Es stirbt sich ebenso rasch ohne Gott ." Der Chef wird ungeduldig und sieht zur Tür. Ich stehe auf.
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