Seit langem zum erstenmal gehe ich ohne Ballast fort. Drei Männer umringen mich, als ich auf die Straße trete. Drei Marken blinken auf: ,, Gestapo ! Folgen Sie uns
"
Ich fühle, wie mir alle Farbe aus dem Gesicht gewichen ist. Doch während sie die Handtasche durchwühlen, ist Jubel in meinem Herzen. Mit amtsmäßiger Freundlichkeit reichen sie mir die Tasche zurück. ,, Entschuldigen Sie, daß wir Sie bemüht haben. Aber Sie verstehen- Stichproben müssen gemacht werden. Sie haben einen verantwortungsvollen Posten."
Ja, das ist richtig. Ich werde die Verantwortung zu nützen wissen!
Ein seltsamer Zufall hat mich bewahrt. War es wirklich nur Zufall? Oder ist es deswegen, weil noch neue Aufgaben meiner harren? Immer seltener kommen Briefe von Juden. Schließlich höre ich, daß aus den Ghettos keine Briefe mehr geschrieben werden dürfen. Für mich bleibt nichts mehr zu tun. Ich kündige.
Die Zensurarbeit während der letzten beiden Jahre hat mir gezeigt, daß unser Land zu einem einzigen großen Gefangenenlager geworden ist. Der von oben ausgeübte Druck hat nur noch graduelle Unterschiede.
Bist du Jude, dann mußt du sterben. Bist du Gefangener, dann mußt du hungern. Bist du noch frei, dann mußt du schweigen.
Doch nein! Das ist nur das ,, Entweder". Es gibt auch ein ,, Oder". ,, Laßt uns das Gute entgegensetzen!" Wenn sie vernichten, dann laẞt uns aufbauen. Wenn sie Wunden schlagen, dann laßt uns heilen. Das Leben wäre nicht mehr lebenswert, würde es nicht dieser Idee unterstellt.
Das Leben ist lebenswert, denn du selbst sollst es dazu machen! Kam diese Gewißheit nicht über mich, als ich am Abgrund stand, als er gelockt hatte?
Am nächsten Tag gehe ich zur Universität und schreibe mich für Medizin ein. Ich will Ärztin werden.
Doch es sieht so aus, als ob ich auch weiterhin noch als Dolmetscherin gebraucht würde. Den ersten freien Vormittag habe ich dazu benutzt, um alle Formalitäten zu erledigen. Als ich mittags nach Hause komme, liegt ein Brief da. Absender ist die Staatsanwaltschaft in Hamburg .
Ich werde aufgefordert, die Zensur für die im Zuchthaus und Gefängnis einsitzenden norwegischen Gefangenen zu übernehmen.
Zuchthausgefangene? Ich kenne noch nicht einmal ein Zuchthaus von außen. Nur aus Gefängnissen habe ich einmal etwas gehört. Vor vielen Jahren. Da lernte ich die Oberin eines Untersuchungsgefängnisses kennen. Anfangs unterrichtete ich sie im Dänischen , dann wurden wir Freunde. Sie begann von ihrer Arbeit zu sprechen; sie erzählte von dem verschärften Reglement, das seit 1933 in Zuchthäusern und Gefängnissen zur Anwen
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