Ich schweige. Eilif wirft mir einen raschen Blick zu. ,, Ich weiß genau, was du denkst. Aber du darfst nicht gekränkt sein. Hast du nicht selbst nur zu gründlich das nazistische System kennengelernt? Verstehst du denn nicht, daß es nun vorerst nicht anders sein kann?"
,, Ich verstehe alles. Ich wünschte nur, man würde nicht ganz vergessen, daß es auch ein verborgenes Deutschland gegeben hat."
Wir stehen vor dem schweren eisernen Tor. Oft habe ich schon davorgestanden! Die kleine Klappe geht auf, und die mürrische Stimme dahinter fragt wie immer: ,, Sie wünschen?"
Doch heute brauche ich nicht mehr ,, Heil Hitler " zu sagen. Ich brauche keinen grünen Polizeiausweis vorzuzeigen. Eilifs Uniform ist der Ausweis! Die Schlüssel rasseln. Langsam öffnet sich das Tor.
Wir sind auf dem Hof. ,, Als ich das letztemal hier stand", sage ich zu Eilif ,,, kam ein großer, schwarzer Wagen hereingefahren. Vorne saßen zwei in schwarzer Uniform: SS. Sie fluchten, als sie ihre Last herausließen neun junge Männer und Frauen. Sie waren in Eisen und wurden zur Hinrichtung gebracht." Ich sehe auf und hole tief Atem: ,, An jenem Tage glaubte ich, es könne nie wieder Frühling werden!"
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Wir stehen vor der Tür zum Innenbau der Anstalt. Wieder rasseln Schlüssel.
,, Sie wünschen den Chef zu sprechen?" fragt ein Wachtmeister. ,, Der englische Gerichtsoffizier ist gerade bei ihm. Da müssen Sie warten." Er schließt das Besuchszimmer auf. ,, Kommen Sie hier herein!"
Staub liegt auf Tisch und Bänken.
,, Dort hast du gesessen!" Eilif zeigt auf den einzigen im Zimmer vorhandenen Lehnsessel. Noch ein anderer Stuhl mit Lehne ist da. ,, Hier saẞ der Pfarrer."
,, Und dort habt ihr gesessen." Ich zeige auf die lange, grob zusammengehauene Holzbank ohne Lehne.
Es wird plötzlich so hell im Zimmer. Ich blicke auf. Die dicken Wolken am Himmel haben sich ausgeregnet. Hinter dem Fenster ist strahlende Bläue. Und der Staub tanzt im Sonnenkegel, der sich unerschrocken durch die Gitterstäbe am Fenster schiebt.
Das Fenster sperrt sich, als ich versuche, es zu öffnen.
,, Vielleicht ist es, seitdem du nicht mehr hier warst, immer geschlossen gewesen", sagt Eilif. Es gelingt ihm endlich, den einen Flügel aufzustoßen.
Durch das Gitter sehen wir auf den großen Platz mit den spärlich angedeuteten grünen Rabatten, auf die alte, mächtige Kastanie und auf Wege, die alle zum Kreis geschlossen sind. Die Kerzen der Kastanie sind schon verblüht. Und der Platz ist leer.
,, Nun braucht ihr nicht mehr zu winken wie damals, als wir dort unten im Kreis gingen", sagt Eilif. ,, Nur wenn wir den Pfarrer und dich sahen, kam es uns zum Bewußtsein, daß es noch hinter den hohen Mauern eine Welt gab."
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