Als nach einigen Tagen alle Schlupfwinkel der SS. aufgestöbert und diese Banditen unschädlich gemacht worden waren, gingen wir hinaus aufs Land. Auch das 8 Kilometer vom Lager entfernte Weimar suchten wir auf. Der Scharfmacher Goebbels hatte durch Radio verkünden lassen, Weimar sei von den„Kulturschändern” zerstört worden. So schwer aber getroffen wor- den war Weimar nicht. Soldaten, ehemalige Häftlinge und wenige Zivilisten belebten die Straßen.
Vereinzelt sah man amerikanische Soldaten verdächtige Personen abführen. Dazwischen wieder erblickte man frühere SS.-Offiziere, die von ehemaligen Häftlingen in ihren Wohnungen aufgefunden waren. Diese Strolche hatten es sich,--- Zivil angetan,--- in ihren Wohnungen gemütlich gemacht.
Warum auch nicht?!
Die SS.-Offiziere waren doch„unschuldig". Wenn wirklich Greueltaten und Grausamkeiten verübt worden waren, dann doch aber niemals von den Offizieren!--- Nein, diese wukten ja überhaupt nicht, was in den Lagern vor sich gegangen war! Nur unter Protest und in voller Entrüstung hatten sich diese„Henker”" abführen lassen. Es bedurfte in manchen Fällen eines ziemlich„deutlichen” Beweises, eines„fühlbaren", ehe die„Offiziere" sich bequemten.
Die Weimarer Stadtverwaltung hatte auch von nichts gewußt, sie sprach ihr Bedauern aus über die geradezu zum Himmel schreienden Bestialitäten, die man an unschuldigen Häftlingen verübt hatte, man bot uns für 8 Tage Be- herbergung und freies Essen. Acht Kilometer trennten Weimar von Buchen- wald. Aber in Weimar hatte man nichts vernommen. Dort hatte man mehr über„zerstörte Kulturstätten” zu sprechen.
Schnell gingen die Tage dahin.
Am 15. Mai erhielten wir unsere amerikanischen Entlassungspapiere. Und, nachdem die für unseren Abtransport angeforderten Omnibusse angelangt waren.--- fuhren wir als freie Menschen und als Sieger über die nazistische Barbarei in die Heimat. Wir ehemalign Häftlinge aus dem Bezirk„Baden- Pfalz” waren am 23. Mai 1945 an der Reihe. 70 ehemalige politische, rassische und religiöse Häftlinge waren wir noch. In zwei großen mit Transparenten und Blumen geschmückten Omnibussen verliefen wir die Stätte der ewigen Schande. Jahrelang hatten wir keine Stadt und kein Dorf mehr gesehen, jahrelang hatten viele von uns mit keinem Zivilisten mehr gesprochen.
Es war 4 Uhr nachmittags, als wir mit einem unbeschreiblichen Glücksge- fühl,--- es schwindelte uns förmlich,--- durch die Lagertore fuhren. Immer leichter wurde uns, je mehr uns die Türme und die Tore entschwanden.---
Wir passierten viele Dörfer. Ueberall standen die Menschen und schauten auf unsere Transparente. Sie schienen sich auch jetzt noch im Unglauben zu befinden. Die Nazi-Propaganda,--- die Lügen und die Schwindelmeldungen dieses geradezu teuflischen Lügenerfinders Goebbels saßen noch in den Ge- hirnen der Menschen. Zwölf Jahre lang hatten sie nichts weiter gehört.--- Und nun sollte mit einem Male alles Lüge sein!?
Wir fuhren in die Heimat. Wir kümmerten uns nicht um die erstaunten Blicke.
Auf unseren Transparenten,--- roter Untergrund,--- stand in großen weißen Buchstaben:
„Tod dem Faschismus!”
Und weiter hieh es:
„Und mögen sie wimmern,--- bleibt einig,--- kalt,
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