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Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands : Häftling Nr. 59 000 erzählt von dem Schicksal der 10 000 Juden aus Baden, aus der Pfalz und aus dem Saargebiet in den Höllen von Dachau, Gurs-Drancy, Auschwitz, Jawischowitz, Buchenwald / Rolf Weinstock
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Arbeit noch nicht beendet. Wohl war Buchenwald befreit, aber noch war der endgültige Sieg nicht errungen.

Es ist inzwischen 4 Uhr und 30 Minuten geworden. Nach den Minuten des Jubels, der Begrükung und der gegenseitigen Umarmung war es still geworden, nur die entsetzlich hämmernden Motoren der stählernen Panzer- kolosse waren zu hören. Wieder knackte es im Lautsprecher. Dieses Mal aber erklang eine andere Stimme wie einst.

Achtung, Achtung! Hier spricht der neue Lagerkommandant des be- freiten Buchenwald. Kameraden, die Nazi-Banditen sind verjagt. Es leben die Befreier, es leben die alliierten Armeen. Der jetzt einsetzende Orkan der Begeisterung bleibt für immer unbeschreiblich. 21 000 ehemalige Häft- linge brüllten durcheinander, ließen die alliierten Armeen hochleben, riefen und schrien den durchfahrenden Panzern zu. DerKrawall wollte kein Ende nehmen.

Der Appellplatz war gerammelt voll von Häftlingen. Alle wollten die Stunde der Befreiung gemeinsam erleben. Alle drängten sich zum Tor. Auch ich befand mich darunter. Ich wollte mit dabei sein, wenn der erste alliierte Soldat das Lager betrat. 21 000 ‚Menschen warteien auf diese schicksalhafte Minute. Stark war das Tor von bewaffneten Kameraden aller Länder be- wacht. Die Waffen waren nicht etwa gegen die alliierten Armeen gerichtet, sondern sie galten unserer überschwenglichen Begeisterung, die zu solchen Mafnahmen Veranlassung gab.

Die Tore gingen auf. Laute Pfui-Rufe ertönten.Ehemalige Häftlinge brachten die ersten Gefangenen ein. Es waren SS. -Schützen und einige uns ganz besonders gut bekannte SS. -Ober- und Unterscharführer. Nicht mehr mit lachender und sieghafter Miene betraten sie das Lager, sondern verzweifelt. Wir schauten sie an. Die SS. -Leute waren alt geworden. Ihr Kopf war gebeugt, ihre Uniform zerrissen. 21 000 Häftlinge brülltenMützen ab!" Ohne Kopfbedeckung marschierten diese Gefangenen an ihren frü- heren Opfern vorbei. Sie kamen in den Block 17. Dieser Block war extra für die Aufnahme von Gefangenen vorbereitet. Die Baracke füllte sich immer mehr. Bis zur Unkenntlichkeit hatten sich die SS. -Banditen verändert. Sie waren von einer Postenkette umgeben. Hin und wieder gelang es einer Anzahl Häftlingen, die Postenkeite zu durchbrechen, um einigen der SS. - Banditen einen Fuktritt oder einen Schlag ins Gesicht zu versetzen.

Wir fragten nicht, ob wir ein Recht zu dieser Rache hätten. Wir taten nur, wozu uns unser Gefühl zwang. Aber schon mit einem Fausthieb war unser Gefühl der Vergeltung zunächst erledigt. Mehr taten wir ihnen nicht. Wir wollten uns nicht mit diesen vertierten Bestien auf gleiche Stufe stellen las- sen. Wir wollten unsere Hände nicht an diesen Banditen beschmutzen.

Nach kurzer Zeit war die Baracke überfüllt. Alle Ecken des Lagers waren nach SS. -Banditen abgesucht worden. Und nun standen sie unter der Be- wachung des Lagerschutzes.

Und wir haben doch gesiegt

Am Nazi-Ehrenmal in München waren die Worte eingemeißelt:Und wir haben doch gesiegt!" Diese Worte hatten wir nun für uns übernommen.

Ja, wir haben gesiegt! Gesiegt über eine Clique von Menschen, die im Namen der Kultur kämpfen wollte, tatsächlich aber nur Mord und Verbrechen ausgestreut hat. Unbeschreibliches Elend hat ihre Wege gekennzeichnet.

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