Druckschrift 
Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands : Häftling Nr. 59 000 erzählt von dem Schicksal der 10 000 Juden aus Baden, aus der Pfalz und aus dem Saargebiet in den Höllen von Dachau, Gurs-Drancy, Auschwitz, Jawischowitz, Buchenwald / Rolf Weinstock
Seite
71
Einzelbild herunterladen

nblick. Die den Unter- SS:

ing auf die Posten ge- ‚der weiter. geworden. yrüber. Wir ı vorbei. In ein Schutz städte rück- chornsteins,

ie Trikolore f hinein, in /agen über ‚n dort. Auf e Bourget, ı in früherer Maschinen ndigung zu

Elend, Tod, en, aus den 1anden. Ge-

rsomnibusse ıngenAus- uns herum wangen und

ten, die uns teiabzeichen 5S. und der terland ihre

eses ein all-

ı ruhig ihres

rängten si

jen, die von|

Angehörige ie man au

‚en Soldaten|

Autos bogen ihren wir au

KonzenfrationslagerDrancy

Zwei Tage dauerte die Fahrt. Müde und ausgehungert kamen wir am 9. August 1942 in Drancy an. Die Tore des Lagers waren geöffnet. Hohe, fünfstöckige Steinbauten standen rings um den großen Hof herum. Alt und grau waren die Häuser und in ihren Mauern schien Elend und Verderben geherrscht zu haben.

Immer wieder die Kommandos der Helden der Gestapo , während Auto um Auto heranrollte. Immer mehr Menschen füllten den großen Platz. Bergehoch lagen die durcheinandergeworfenen Koffer und Kisten, die mit Lastwagenkolonnen vom Bahnhof herangebracht wurden.

Die alten Lagerinsassen drängten sich an uns heran und wollten Neues wissen. In allen Sprachen stellten sie ihre Fragen. Viele baten unsArme um Brot. Schrecklich war es für uns, als uns kleine Kinder um Lebensmittel baten, weil man ihnen gesagt hatte, wir brächten ihnen etwas mit. Unter den alten Lagerinsassen waren viele, die hier ihr kärgliches Dasein seit dem Tage der Besetzung von Paris fristefen. Es waren Franzosen, sie hatten Widerstand gegen deutsche Anordnungen geleistet, oder sie waren mit Juden freundlich gewesen, das waren die Gründe für ihr Hiersein. Schon die kleinste Unbotmäßigkeit, der zahmste Blick des Widerstandes, hatten genügt, um diese Leute von ihrer Familie zu entführen.

Andere erzählten uns, daf sie Geiseln seien. Wenn ein deutscher Soldat in Paris erschossen war, so wurde sofort die betreffende Straße abgeriegelt. Und alle Menschen, die sich gerade vollkommen unschuldig und harmlos in dieser Straße befanden, wurden dann verhaftet und ins Lager Drancy überführt. Diese Geiseln erzählten uns weiter, daß für jeden erschossenen deutschen Soldaten, zwanzig Franzosen standrechtlich erschossen würden. Die übrigen aber, denn es wurden ja stets viel mehr Leute verhaftet, wur- den auf Transporte geschickt. Niemals habe man mehr etwas von ihnen ge- hört. Französische Industrielle und Wissenschaftler, auch Ausländer, hielt man hier fest, weil sie verdächtig seien, dieöffentliche Ruhe" zu stören. Die deutschen Juden, die seit dem Beginn des Nazi-Regimes nach Frank- reich ausgewandert waren, hatte man alle nach hier gebracht.

Inzwischen waren auch die Frauen angekommen. Ich versuchte nun, an die Autobusse heranzukommen, weil es mich zu meiner Multer zog. Jedoch gelang es mir nicht, meinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, da abermals die Namen aufgerufen wurden. Mit vielen anderen Leidensgenossen wurde mir ein Schlafraum im fünften Stock eines der hohen Gebäude zugewiesen. Mit Herzklopfen stieg ich die fünf Etagen hinauf. Niemand von uns war das Treppensteigen mehr gewöhnt. Auch machte sich jetzt unsere grobe Schwäche bemerkbar. Auf dem Boden unserer Schlafsäle lagen Strohsäcke. Riesige Fenster verschafften uns Licht. In den anderen, anschließenden Wohnräumen befand sich auch eine Wasserleitung mit Waschgefäßen. Kaum hatte ich mir einen Platz gesucht und meine Sachen abgelegt, trat ich an eines der Fenster, um immer und immer wieder nach meiner Mutter Aus- schau zu halten. Ich kann die Bilder nicht beschreiben, die sich meinen Augen boten. Tief unter uns Menschen über Menschen. Vor uns ein Häuser- meer. Die Berge der Koffer und Kisten vermehrten sich. Immer neue Last- kraftwagen brachten Gepäck heran.

‚Eine halbe Stunde hatte ich so aus dem Fenster geschaut, als ich mit einem Male meine Mutter erblickte. Ich verfolgte sie und merkte mir genau die Tür, in der sie verschwunden war. Ein Kamerad nahm meine Sachen in

71