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Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands : Häftling Nr. 59 000 erzählt von dem Schicksal der 10 000 Juden aus Baden, aus der Pfalz und aus dem Saargebiet in den Höllen von Dachau, Gurs-Drancy, Auschwitz, Jawischowitz, Buchenwald / Rolf Weinstock
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Ueber die Schultern der beiden Uniformierten hinweg schaute der Direk­for in unser Zimmer hinein und sagte: Weitermachen!" Mit zitternder Stimme beendete die Sängerin das unterbrochene Lied. --, Wann kommt die Stunde, die uns den Abschied bringt?"-

War sie schon da?-- Die Stunde?- Hief es wieder weiter?"-- Hei­matlos, schutzlos-- irgend wohin?

Menetekel!-- Du geheimnisvoll warnendes Zeichen. Die Stimmung war dahin. Die Gemütlichkeit war verschwunden. Die Sängerin hatte ihr Lied beendet.-- Sie hatte gesungen.-- Hatten wir noch zugehört?-- Dann verschwanden die Uniformierten mit dem Direktor. Tiefe Stille herrschte.-- , SS. war es nicht!", hörte ich mit einem Male zu meiner Rechten.-- Was war es denn? An den Uniformen waren weder die SS. - Runen noch die Totenkopf- Abzeichen befestigt. Darüber waren wir uns klar.-- War es eine neue Wehrmachtsuniform, oder war es eine" getarnte" SS . Das Rätsel­raten war zwecklos. Ein alter Lagerinsasse rief:" Wir werden es schon früh genug erfahren. Laßt das Grübeln. Setzt andere Mienen auf. Laft Euch Eure Verstimmung nicht anmerken, denn gerade jetzt achten unsere Kameraden auf unsere Mienen. Und geht ruhig heim!"

Die Worte wirkten wie ein Zauber. In aller Ruhe verabschiedeten wir uns und gingen auseinander. Nach rechts,-- nach links-- und links und rechts. Zu dreien, zweien und einzeln.-- Draußen war es schon dunkel geworden. Der Himmel hatte sich wieder bezogen. Es war zehn Uhr.

Wir hatten erst wenige Schritte in das Dunkel hinein getan. Die Augen mußten sich erst an die Veränderung gewöhnen. Wenn wir die Lagerbaracke verließen, fiel unser erster Blick auf den Stacheldraht. So auch jetzt!-- Aber, was erblickten wir?!-- Wie auf Kommando waren wir stehen" geblieben. Unsere Hände zitterten. Und unsere Herzen klopften wie ein Hammer. Ungefähr 20 Meter hinter dem Stacheldraht waren schwarzunifor­mierte Männer dabei, eine dichte Postenkette zu ziehen. Die alten Lager­posten waren eingezogen. Vor jedem Jlot standen neue Doppelposten. Unsicherheit hatte uns erfaßt. Wir waren entsetzt!

Als wir das Jlot verlassen wollten, flüsterte uns ein alter Wachtposten zu: Ihr kommt alle weg!" Doch auf weitere Fragen gab er keine Antwort oder konnte sie auch nicht geben. Nur eines konnte er uns noch sagen, daß die neuangekommenen Soldaten der Garde mobile" angehörten. Schnell gingen wir weiter.

Alle Baracken waren leer. Die Insassen hatten sich an den Drähten der Jlots zusammengefunden. Aufgeregte Stimmen schwirrten durcheinander. Immer wieder wurden wir gefragt: SS. ,-- ja?-- Kommen wir weg?" Wir aber konnten nur mit den Achseln zucken.-- Wir wußten ja auch nichts.

Mühselig drang ich bis zu meiner Mutter vor. Doch war es mir nicht mög­lich, mit ihr ein Wort unter vier Augen zu sprechen. Ich konnte ihr nur durch ein verstohlenes Augenzwinkern zu verstehen geben: Abtransport!"-- Wir verstanden uns. In den Augen meiner Mutter standen silberglänzende Tränen. Die Frauen und Männer dieses Jlots hatten uns genau beobachtet. Als sie nun sahen, daß meine Mutter Tränen vergof,-- verstanden sie. Nun teilte sich der Schwarm. Und wieder war es interessant, zu beobachten, wie verschieden die Menschen auf diese Erkenntnis reagierten. Während sich ein Teil der Frauen in aller Ruhe entfernte und sofort die erforder­lichen Maßnahmen ergriff, rannten andere Frauen kreischend und laut jammernd davon.

Nach einiger Zeit wurden sämtliche Jlot- Chefs zum Lagerdirektor gerufen. Die Aufregung ging von neuem los.

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