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Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands : Häftling Nr. 59 000 erzählt von dem Schicksal der 10 000 Juden aus Baden, aus der Pfalz und aus dem Saargebiet in den Höllen von Dachau, Gurs-Drancy, Auschwitz, Jawischowitz, Buchenwald / Rolf Weinstock
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Die Menschen brachten uns Wasser und waren gut zu uns. Güte,-- ja, die hatten wir lange genug entbehrt. Es ist ja stets so im Leben, man er­innert sich später mit Freude der guten Tage, die uns das Leben schenkte. Die bösen Tage und Zeiten werden sehr leicht vergessen. Es soll wohl so sein!

Wir wußten nun, daß wir uns im unbesetzten Frankreich befanden, dak wir die Demarkationslinie überschritten hatten. Und damit klärte sich auch die Kontrolle auf und das eigenartige Verhalten der SS.- Banditen, als sie neben dem Zuge herliefen und immer mehr zurückblieben. Das waren die letzten Minuten unter der SS.- Bewachung. Seitdem fuhren wir ins Schwarze. Heimatlos,- herrenlos! Auch zukunftslos? Der Tag neigte sich seinem Ende zu.

--

Es ging immer noch weiter. Ab und zu hielt der Zug. Wir hörten immer dasselbe. Aber wir hörten freundliche" Worte.

Am vierten Tage trafen wir gegen sieben Uhr in Lyon ein. Der große Bahnhof war leer. Nur einige Polizisten waren da. Krankenschwestern brach­ten uns Wasser, nichts mehr. Wir waren hungrig. Der Körper verlangte sein Recht. Die Freude und unser Lachen hatten ihn rebellisch gemacht.-- Wenn wir doch nur etwas Brot gehabt hätten. Aber es gab nichts.

In Richtung Toulouse ging es weiter. Das herrliche Rhonetal erquickte uns und schenkte uns neuen Mut. Nacht und Tag und noch eine Nacht vergingen. Die Tage schnell,-- aber die Nächte, als wenn es Jahre seien, so vergingen die Stunden. Doch als dann der neue Tag graute, lasen wir an großen Fabrikschornsteinen Toulouse ". Kurz darauf langten wir auf dem Bahnhof an.

Viel Militär und auch einige Rote- Kreuz- Schwestern" waren da. Wir öffneten die Fenster. Alle wollten wissen, was mit uns los sei. Mit Erbit­terung hörten die französischen Soldaten, daß wir aus Deutschland ver­trieben wären. Essen konnte man uns nicht geben. Man gab den Alten und Kranken etwas Tee. Den ersten Transporten, die Toulouse passierten, war es besser ergangen, so sagten die Schwestern. Ihnen hätte man noch Brot und Wurst geben können. Der Zug sei aber erst vor kurzer Zeit gemeldet worden. So konnte nichts mehr hergerichtet werden. In Toulouse erfuhren wir mehr. Nach Gurs ging es. Was ist Gurs ?-- Ein Lager, ein Dorf, eine Stadt?

Nun war die Frage nach dem" Wohin?", die uns so lange gequält und bedrückt hatte, endlich beantwortet. Nach Gurs .

Was ist Gurs ? Wo liegt Gurs ?-- Es waren neue Fragen. Die guten Franzosen mögen nicht böse sein, daß wir immer und immer wieder ge­fragt haben.

Gurs ist ein großes Lager, 80 Kilometer von der spanischen Grenze ent­fernt. Darin waren die spanischen Freiheitskämpfer, die aus Spanien fliehen mußten, untergebracht. Gurs ! Auf allen Lippen lag das Wort.

Weiter ging die Fahrt. Dem Ziel entgegen.

Mühselig kletterte unser Zug ins Gebirge. Das Wetter hatte sich geän­dert. Schwere Wolken hingen am Himmel. So fief herab, als wollten sie dem unter Gestöhne und Schnaufen aufsteigenden Zuge, und damit uns, den Weg versperren. Als wollten sie uns warnen.

Es dauerte auch nicht lange. Dann öffnete sich die Schleuße des Himmels. Und dazu ein orkanartiger Sturm. Das Rauschen der Bäume und das Plät­schern des Regens übertönten das Zuggestampfe.

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