Verhaftung im Zuge der Judenausroffung
17. Oktober 1940
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Es war ein kalter, unfreundlicher Herbstmorgen, als gegen sieben Uhr unsere Flurfürglocke ertönte. Meine Mutter, die schon den Morgenkaffee bereiten wollte, schrak zusammen. Dann ging sie schnell hinaus. Als sie die Flurtür geöffnet hatte, stand vor ihr eine große hagere Gestalt, ein Gendarm. " Wohnt hier ein Rolf Weinstock ?", fragte er mit scharfen Worten. Und außerdem hatte er die Namen meiner Mutter und meiner achtzigjährigen Großmutter genannt.
" Ja", hatte meine Mutter mit unsicherer Stimme geantwortet.
" Gut. Ich habe den Befehl, Sie alle drei in spätestens 50 Minuten mitzunehmen. Packen Sie das Nötigste zusammen und nehmen Sie für 14 Tage zu essen mit."
Meiner Mutter zitterten die Knie. Sie stand und wollte noch etwas fragen. Doch, es kam kein Wort heraus. Der Beamte schnitt auch jede weitere Frage mit dem kurzen Bemerken ab:„ Beeilen Sie sich, Sie haben nur 50 Minuten Zeit."
Da war meine Mutter aus ihrer Erstarrung erwacht. Angstverzerrt und mit schreckerfüllten Augen trat sie an mein Bett, rüttelte mich aus dem Schlaf und sprach: Steh schnell auf, Rolf. Wir müssen alle weg. Ich wecke Großmutter. Und dann müssen wir schnell noch das Nötigste zusammenpacken!" Einen Augenblick starrte ich meiner hinauseilenden Mutter nach.„ Wir sollen weg?"--" Wohin?" Aber dann,-- greuliche Bilder standen vor meinen Augen,-- ein Bedauern um Mutter und Großmutter faßte mich,-- alles geschah blitzartig,-- war ich mit einem Sprung aus dem Bett. Ich wußte ja, was es heißt, nachts oder zu jeder anderen Zeit den Befehl zu bekommen: Schnell, schnell!"
Mein inneres Gefühl sagte mir, es gehe wieder in ein Konzentrationslager. Während ich in völliger Verwirrung meine wenigen Habseligkeiten packte, rannte meine Mutter geschäftig hin und her. Ich war verwundert, wie gefaßt sie wieder war.-- Meine liebe, gute Mutter, sie war in der Zeit des Leidens immer die Schützende, immer die Helfende, stets die Sorgende. Sie packte, sie zog meine Großmutter an, sie beruhigte mich, als ich in einem Augenblick des größten Jammers den Gashahn öffnen wollte.-- Sie fand in der größten Hetze noch Zeit zu liebevollen Worten und Ermahnungen:" Willst Du uns allein lassen, Rolf?"
Inzwischen hatte der Gendarm den Schlüssel für den Gashahn an sich genommen. Er drängte zur Eile.„ Schnell, schnell!" Ach, ich kannte diese Worte ja so gut. Ich half packen.-- Und, wie es allen Leidensgenossen erging, so auch uns,-- wir packten zumeist Nichtigkeiten,-- was uns gerade in die Hände fiel und uns feuer und wertvoll schien. Was aber besonders notwendig war, wir bemerkten es erst später, das war daheim geblieben.
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