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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
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ARNOLD ZWEIG

1945

Lehren der deutschen Geschichte

Ein Volk ist verantwortlich auch für das, was es mit sich anstellen läßt, sagt die Geschichte. Sie hat kaum je Aus­nahmen von dieser Regel zugelassen und wird es auch dies­mal nicht tun. Denn was unter der Perspektive von Staaten und Grenzen oft wie ein unverdientes Unglück aussieht, nimmt ein ganz anderes Relief an, wenn man den Maßstab von Klassenschichtungen und Klassenkämpfen anlegt. Dann erkennt man oft, daß sich als nationales Unglück maskiert hat, was im Grunde schuldhaft unterlassener Klassenkampf war, die Weigerung eines reifen Volkes, sich zur Wehr zu setzen, wenn seine Oberschicht es mit schmuck­haften Lügen bösartiger Selbstvergottung und verdum­mender Aufhetzung gegen Nachbarvölker in Kriegestürzte, um die inneren Krisen außenpolitisch abzureagieren. Da die deutschen Agrarverhältnisse seit dem großen Bauern­krieg nach gründlicher Neuaufteilung des Bodens ver­langten- was war einfacher, als die Eroberung der Ukraine zu betreiben, um der deutschen Brust den Raum zum Atmen zu verschaffen? Und da der Deutsche seit Jahr­hunderten den Traum hegte, irgend jemandes Vorge­setzter zu sein, und den vorbildlichen Unteroffizier und Volksschullehrer auch zu verwirklichen, zu dem er sich innerlich berufen fühlte, um diesen Traum zu erfüllen, brauchte man nur andere Gruppen und Völker, Nicht­deutsche in Sklaven zu verwandeln, um den Volksgenossen mit ausgiebiger Rente zu Höchstleistungen auf dem Rücken anderer anzuspornen.

Selten hat eine herrschende Schicht so gut verstanden, die Affekte und Lebenslügen eines Volkes einzuspannen. und auszubeuten, wie es das deutsche Volk erlebt hat.

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