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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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F. C. WEISKOPF

1943

Schulze

Der Mann, von dem hier berichtet werden soll, führte einen Namen, der neben Müller und Meier als gewöhn­lichster deutscher Name gilt. Er hieß Schulze, Fiete Schulze. Sein Vater war Arbeiter in Fischbeck bei Hamburg ge­wesen, und er selbst war Arbeiter in Fischbeck bei Ham­ burg . Aber vielleicht lebte der Vater auch in Barmbeck und Fiete in Altona ... das tut wenig zur Sache. Er war ein Arbeiter. Zu seinem Leben gehörte die Unsicherheit des Arbeitsplatzes ebenso selbstverständlich wie der Wille, für eine bessere Ordnung zu kämpfen, und die Erkenntnis, daß dieser Kampf nur in der Gemeinschaft mit andern, Gleichgesinnten möglich ist.

Er war ein Feind der Nazis, bevor sie zur Macht ge­langten, und er blieb ihr Feind auch, nachdem sie ihr Drittes Reich aufgerichtet hatten. Zwei Jahre lang stand er in den ersten Reihen der Untergrundkämpfer. Dann fing ihn die Gestapo . Vor Gericht hielt er sich so tapfer, daß ihm sogar die Nazirichter ihre grollende Bewunderung nicht versagen konnten. Sie verurteilten ihn zu insgesamt dreihundert Jahren Zuchthaus ; das waren, da Schulze achtunddreißig Jahre zählte, sieben ganze Leben, die ihm so abgesprochen wurden. Sie verurteilten ihn weiter drei­mal zum Tode und zweimal zum Verlust dessen, was sie Ehre nannten. Den Kopf hackten sie ihm sie konnten nicht anders nur einmal ab. Bevor dies geschah, rief Schulze, der als letzten Wunsch sich die Teilnahme des Gerichtshofes an der Hinrichtung ausgebeten hatte, mit fester Stimme: ,, Ein Kämpfer weniger, aber wir werden die Sieger sein!"

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Um die Worte des Verurteilten zu übertönen, begannen die Trommler der SS- Abteilung, die den Richtplatz

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