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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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THOMAS MANN

1939

Der Feind der Menschheit

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Gesetzt, daß er aus diesem schauerlichen Erlebnis über­haupt mit dem Leben davonkommt, daß der deutsche Geist, den man sich nach Goethes Wort: Wo käm die schönste Bildung her und wenn sie nicht vom Bürger wär", immer noch nicht anders als bürgerlich vorzustellen ver­mag, die totale Entehrung, die man Nationalsozialismus nennt, übersteht- so wäre zu hoffen, daß diese äußerste Folge seiner Blindheit für die politische Seite der Humanität eine harte, aber lehrreiche und heilsame Schule für ihn gewesen sein möchte. Ich habe es oft gesagt: ehe es besser werden könne in Deutschland , müsse es dahin kommen, daß die Menschen dort bei dem Worte ,, Freiheit" in Tränen ausbrächen. Sie scheinen nicht weit mehr davon entfernt. Was Freiheit, Recht, Menschenwürde und Un­verletzlichkeit des Gewissens denn doch bedeuten; daß sie mehr sind als humanitäre Phrasen eines seichten Revo­lutionarismus-, es scheint, daß nach sechs Jahren Gestapo­Staat der deutsche Bürger angefangen hat, es zu begreifen. Aber gewisse Dinge sind leichter verloren als wiederge­wonnen, und es bleibt eine Zweifelsfrage, deren Beant­wortung von der Dauer der gegenwärtigen Katastrophe, von ihrem Charakter als Zwischenspiel oder als Epoche abhängt, ob dem bürgerlichen Geist in Deutschland noch vergönnt sein wird, seine Erfahrungen zu nutzen. Vorerst nimmt das Verhängnis seinen Lauf, und das Paradoxon des Unterganges des deutschen Geistes, der politikfrei sein wollte, im Terror der Politik vollendet sich in dem schauer­lichen Phänomen, daß er, der Antirevolutionär, der Revo­lutionen immer nur im Religiösen und Geistigen kannte, sie aber im Politischen haßte und verachtete, zum sans­culottischen Träger der maẞlosesten Revolution gepreẞt

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