1939
Der Feind der Menschheit
"
Gesetzt, daß er aus diesem schauerlichen Erlebnis überhaupt mit dem Leben davonkommt, daß der deutsche Geist, den man sich nach Goethes Wort: Wo käm die schönste Bildung her und wenn sie nicht vom Bürger wär", immer noch nicht anders als bürgerlich vorzustellen vermag, die totale Entehrung, die man Nationalsozialismus nennt, übersteht- so wäre zu hoffen, daß diese äußerste Folge seiner Blindheit für die politische Seite der Humanität eine harte, aber lehrreiche und heilsame Schule für ihn gewesen sein möchte. Ich habe es oft gesagt: ehe es besser werden könne in Deutschland , müsse es dahin kommen, daß die Menschen dort bei dem Worte ,, Freiheit" in Tränen ausbrächen. Sie scheinen nicht weit mehr davon entfernt. Was Freiheit, Recht, Menschenwürde und Unverletzlichkeit des Gewissens denn doch bedeuten; daß sie mehr sind als humanitäre Phrasen eines seichten Revolutionarismus-, es scheint, daß nach sechs Jahren GestapoStaat der deutsche Bürger angefangen hat, es zu begreifen. Aber gewisse Dinge sind leichter verloren als wiedergewonnen, und es bleibt eine Zweifelsfrage, deren Beantwortung von der Dauer der gegenwärtigen Katastrophe, von ihrem Charakter als Zwischenspiel oder als Epoche abhängt, ob dem bürgerlichen Geist in Deutschland noch vergönnt sein wird, seine Erfahrungen zu nutzen. Vorerst nimmt das Verhängnis seinen Lauf, und das Paradoxon des Unterganges des deutschen Geistes, der politikfrei sein wollte, im Terror der Politik vollendet sich in dem schauerlichen Phänomen, daß er, der Antirevolutionär, der Revolutionen immer nur im Religiösen und Geistigen kannte, sie aber im Politischen haßte und verachtete, zum sansculottischen Träger der maẞlosesten Revolution gepreẞt
269


