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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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268
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MAX HERRMANN - NEISSE

1939

Ich möchte heim...

Mich dünkt, nun wär es fällig heimzukehren: zu lang schon war ich in der Fremde Gast; sich gegen das ihm Widrige zu wehren, verlernte der stets Ungebetne fast.

Verließ ich einst, die Freiheit mir zu wahren, die Heimat, die zu Sklaverei verkam,

so drohten hier mir andere Gefahren,

und wieder schmerzt die Reue und die Scham.

Zum Abenteuer war ich nicht geboren, das Ungewohnte hat mir Furcht gemacht; hab ich einmal ein Lebensgut verloren, wird seiner noch bis in den Tod gedacht.

Mir ist es nicht vergönnt, mich abzufinden,

Die Gabe des Vergessens nicht gewährt:

was nicht nach Wunsch geht, kann ich nicht verwinden,

mir im Gedächtnis keine Schuld verjährt.

Das Gastland kann die Heimat nie ersetzen,

hat mich sein Frieden freundlich auch bedacht. Gefangen fühl ich mich in fremden Netzen und um das Lebenselement gebracht.

Der Alptraum durfte schon zu lang mich plagen; nun, dünkt mir, täte das Erwachen not.

Laẞ endlich, Schicksal, doch uns wieder tagen

der Heimkehr wohlvertrautes Morgenrot!

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