ALFRED WOLFENSTEIN
1939
Tschechische Hymne
Kde domov muj ? Wo ist meine Heimat?
So beginnt deine Hymne, verstummtes Volk.
Sie erklang vor zwanzig Jahren, als deine Stimme sich frei sang, Und nun, da die Knechtschaft dir auf den Mund schlägt, Ertönt sie noch einmal auf deinen Straßen
Und erstarrt. Es ist nur eine alte Volksweise-
Keines Landes Lied war jemals so friedlich,
Sie ist kein Marsch, ist still, kein Präsentiermarsch, Ist fromm, keine schmetternde angriffslustige Wacht: 1 Ein bäuerliches Lied und beseelt wie ein Mädellied, Das man abends singt, zur Begleitung dämmernder Glocken, Oder zum schlichten Takt einer menschenwürdigen Arbeit. Nicht alle die Staatshymnen Europas sind so herzlich,
Es fließen hier nicht immer die einfach echten Tränen,
Die an jenem Tag in dem wundersamen Prag
In der Sonne und den anrückenden Stahlhelmen blinkten, Als ihr weinend sangt.
Dies Lied aber soll jedem Vertriebenen gehören,
Es klingt wie ein Schicksalslied der Emigration,
Nun geheiligt, nun geweitet durch ein ganzes Volk.
Wo ist meine Heimat? Das ist unsre Frage,
Die sehnsüchtig verlorene und trotzig hoffnungsvolle- Doch zu den vielen zerstreuten Verbannten
Stößt ein ganzes Volk, das Volk dieses Liedes,
Voll gefährlichen Leids, insgeheim voll hussitischen Zorns, Ein Volk von Verbannten, heimatlos in der Heimat,
Das nur noch mit Erlaubnis seine Luft atmen darf, Essen und sprechen darf nur noch mit Erlaubnis.
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