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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
Seite
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HEINRICH MANN

1939

Über Goethe

... Goethe kann in diesem Deutschland nicht mehr mit einfacher Hingabe gelesen werden. Dem Leser schlägt das Gewissen, und Fragen beunruhigen ihn. Er sieht: Hier ist ein vollkommen freier Geist- folgte immer seinem inneren Gesetz, das Wahrheit und Menschlichkeit war. Er fragt: Bei uns aber ist die Humanität eine Schande geworden? Un­erlaubte Wahrheiten zu denken führt ins Verderben? Er sieht: Hier ist ein Weltbürger, der Erfinder des Begriffs , Weltliteratur", der Verehrer eines Kaisers, der kein Deutscher war, der Freund Frankreichs . Er fragt: Dies alles sollte heute verbrecherisch sein? Wir sollen der Feind der meisten Völker sein, wenn nicht aller, und lesen können wir kaum noch unsere eigene, ererbte Literatur?

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Das gerade verwundert den jungen gutwilligen Men­schen, der seine Lage und die Lage seines Landes bedenkt. Da er und das Land die Freiheit nicht haben, wird ihm um so eher bewußt, daß die klassische Literatur der Deut­ schen , von Herder bis Hölderlin , eigentlich ein einziger Hymnus an die Freiheit ist. Wie wär es denn anders? Humanismus und Freiheit setzen einander voraus und folgen aufeinander. Was in Deutschland überhaupt be­standen hat an politischer Freiheit, Menschenrecht und nationaler Würde, kann gar nicht fortgedacht werden von unseren Denkern und Dichtern. Wer Würde, Recht und Freiheit aufhebt, trennt die Nation von ihren Besten. Da habt ihr den Grund, falls er euch nicht bekannt wäre, Studenten, warum ihr Goethe nur mit Unruhe lest...

,, Glauben Sie ja nicht, daß ich gleichgültig wäre gegen die großen Ideen Freiheit, Volk, Vaterland." Das ist Goethe und das sind jederzeit und trotz allem die Deut­ schen von Geblüt, da Geblüt keinen anderen Sinn haben

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