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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
Seite
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Doch du bleibst durchaus mit deinesgleichen unentrinnbar fremd und sehr allein,

harrst der Wunder, die dich nie erreichen,

und wirst weiter dein Geschick beschrein.

Langsam sammelt sich in deinen Schränken

wieder eine kleine Bücherei;\ doch ein Mangel wird dich immer kränken: deine Lieblinge sind nicht dabei.

Gäste kommen, die dich sehr beneiden, weil du eine eigne Wohnung hast.

Nur der Eine wird dich immer meiden,

der von dir so heiß ersehnte Gast,

der dich früher in der Heimat ehrte, schüchtern stolz an deinem Tische saß, aber hier jetzt, wo sein Ruhm sich mehrte und der deine tot ist, dich vergaß.

Alles dieses kannst du schwer verwinden, immer wieder macht es dich verstört.« Dennoch wirst du schließlich Frieden finden in dem kleinen Reich, das dir gehört,

der Musik des Alls im Rundfunk lauschen, einen Hund besitzen, der dich liebt, manchmal sanft mit Rotwein dich berauschen, dankbar, daß es diesen Trost noch gibt. Aber wenn du endlich abgefunden,

so dich fügst in alles fremde Tun,

hast die Heimatsüchte überwunden

und gedenkst, getrost hier auszuruhn,

dein bescheidnes Dämmern zu genießen, mit dem Ungewohnten schon bekannt, willig, hier dein Leben zu beschließen

als in einem neuen Vaterland,

wird ein amtlich unnahbares Schreiben dich mit höflich tödlichem Bescheid

aus dem kaum gewärmten Nest vertreiben, ungerührt von Harm und Herzeleid.

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