1938
Auf Abbruch
Immer wieder wie auf Abbruch wohnen, zwischen Koffern, die man nie ganz leert, in Hotels und billigen Pensionen,
wo das Herz vor Heimweh sich verzehrt, unbehauster als die Zirkusleute, deren Heim auf Rädern um sie bleibt, doch was uns im eigenen erfreute, ist nicht fremden Räumen einverleibt, diesen schlecht beleuchteten Verschlägen voller Küchendunst und Gasgeruch, mit der Kost für lebensmüde Mägen und den Wänden ohne Bild und Buch. Plötzlich wirst du es nicht mehr ertragen
und an irgendeinem Zufallsort dich noch einmal festzusetzen wagen,
so als jagte nichts dich fürder fort, wirst du ein paar leere Zimmer mieten, auf dem Trödelmarkt erfeilschter Tand soll dir einen Schein der Bleibe bieten, mit dem Bild der Heimat an der Wand, jener Heimat, die dich doch verbannte und heut nichts mehr von dir wissen mag, wo einst mancher deinen Freund sich nannte,
nie vergaß auf deinen Namenstag,
jeden Mittwoch im Hotel zur Krone
dich erwartete zum Dauerskat,
wünschte dich sogar zum Schwiegersohne,
holte sich bei dir vertraulich Rat.
Heimlich hoffst du, daß im fremden Lande
dir allmählich Ähnliches gelingt,
neue Gunst mit dauerhaftem Bande
unbedingter Freundschaft dich umschlingt.
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