die eigene Unzulänglichkeit. Alle wollten sie das gleiche: Pässe, Arbeitserlaubnis, Geld, eine neue Heimat, am liebsten Rückkehr in die alte, befreite. Doch die Gründe, warum sie das wollten, die Zwecke, wozu und die Wege, wie sie es erreichen wollten, waren sehr verschieden, und was dem einen herrlich schien, war dem andern ein Greuel. So zerrieben sich durch die ständige Nähe selbst solche, die das gleiche innere Schicksal und die gleichen Ziele hatten, und einer erlebte Enttäuschungen am andern. Es gab Haß, manchmal Todfeindschaft unter den Emi- granten, und mehr oder minder guten Glaubens, verdäch- tigte einer den andern der Lässigkeit oder der Verräterei an der gemeinsamen Sache.
Ja, Exil zerrieb, machte klein/und elend; aber Exil härtete auch und machte groß, reckenhaft. Das Leben des Bodenständigen, des Seßhaften verlangt und verleiht an- dere Tugenden als das Dasein des Nomaden, des Frei- zügigen. Im Zeitalter der Maschine aber, im Zeitalter, da die Maschine den größern Teil der Bauern überflüssig macht, sind die Tugenden des Freizügigen für die Gesell- schaft zumindest ebenso wichtig wie die des Seßhaften und geeigneter für den, der sich sein Leben täglich neu er- kämpfen muß. Der Emigrant hatte weniger Rechte als die andern, aber viele Beschränkungen, Pflichten und Vor- urteile der andern fielen von ihm ab. Er wurde wendiger, schneller, geschmeidiger, härter.„Walzender Stein wird nicht moosig“, heißt es bei dem alten Sebastian Franck, ein Stein, der bewegt wird, setzt kein Moos an. Was diesem deutschen Schriftsteller offenbar als Vorzug galt.
Viele engte das Exil ein, aber den Bessern gab es mehr Weite, Elastizität, es gab ihnen Blick für das Große, We- sentliche, und lehrte sie, nicht arm Unwesentlichen zu haften. Menschen, von New York nach Moskau geworfen und von Stockholm nach Kapstadt , mußten, wenn sie nicht umkommen wollten, über mehr Dinge nachdenken und tiefer in diese Dinge hineinschauen als solche, die ihr Leben
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