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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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LION FEUCHTWANGER

1938

Größe und Erbärmlichkeit des Exils

Während des Krieges und in den beiden Jahrzehnten hernach hatten in manchen Ländern Revolutionen statt­gefunden. Diese Umwälzungen hatten zahlreiche Men­schen zur Flucht aus ihrer Heimat getrieben. Es gab also Emigranten vieler Nationen.

Die deutsche Emigration war zerklüfteter als jede andere. Es gab unter den deutschen Exilanten zahlreiche, die um ihrer politischen Gesinnung willen hatten fliehen. müssen, und es gab die große Masse derjenigen, die, nur weil sie selber oder ihre Eltern in den standesamtlichen Re­gistern als Juden geführt wurden, sich zur Auswanderung gezwungen gesehen hatten. Es gab viele, Juden und Nicht­juden, die freiwillig gegangen waren, weil sie die Luft des Dritten Reiches einfach nicht mehr hatten atmen können, und andere, die für ihr Leben gern in Deutschland ge­blieben wären, hätte man sie dort nur auf irgendeine Art ihren Lebensunterhalt verdienen lassen. Aber eben das war einer der wesentlichsten Punkte des nationalsozialistischen Programms und eigentlich der einzige, der sich verwirk­lichen ließ den politischen Gegnern, den persönlichen Feinden oder Konkurrenten der neuen Herren und den als Juden Eingetragenen die Lebensmöglichkeit zu nehmen, auf daß sie krepierten wie die Fische eines austrocknenden Gewässers. Viele der deutschen Emigranten waren einge­kerkert gewesen, mißhandelt, gedemütigt, schikaniert, viele hatten Freunde und Verwandte, die in Deutschland um­gekommen waren, viele arbeiteten außerhalb der Reichs­grenzen am Sturz des verhaẞten Regimes. Aber es gab auch solche, die mit der neuen Herrschaft einverstanden waren, die nie gefühlt, ja kaum gewußt hatten, daß sie Juden waren, und die, nachdem sie sich plötzlich infolge irgend­

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