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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
Seite
211
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JOHANNES R. BECHER 1937

Tränen des Vaterlandes Anno 1937

I

© Deutschland ! Sag, was habt aus Deutschland ihr gemacht! Ein Deutschlandstark undfrei?! Ein Deutschland hoch in Ehren?! Ein Deutschland , drin das Volk sein Hab und Gut kann mehren, Auf aller Wohlergehn ist jedermann bedacht?!

Erinnerst du dich noch des Rufs:Deutschland erwacht! Als würden sie dich bald mit Gaben reich bescheren,

So nahmen sie dich ein, die heute dich verheeren. Geschlagen bist du mehr denn je in einer Schlacht.

Dein Herz ist eingeschrumpft. Dein Denken ist mißraten. Dein Wort ward Lug und Trug. Was ist noch wahr und echt?! Was Lüge noch verdeckt, entblößt sich in den Taten:

Die Peitsche hebt zum Schlag ein irrer Folterknecht,

Der Henker wischt das Blut von seines Schwertes Schneide O wieviel neues Leid zu all dem alten Leide!

1I

Du mächtig deutscher Klang: Bachs Fugen und Kantaten! Du zartes Himmelblau, von Grünewald gemalt!

Du Hymne Hölderlins, die feierlich uns strahlt!

O Farbe, Klang und Wort: geschändet und verraten!

Gelang es euch noch nicht, auch die Natur zu morden?! Ziehn Neckar und der Rhein noch immer ihren Lauf?

Du Spielplatz meiner Kindheit: wer spielt wohl heut darauf? Schwarzwald und Bodensee , was ist aus euch geworden?!