STEFAN HEYM
1935
Rechtfertigung
Manchmal kommen die Stimmen,
die ich so oft schon gehört,
die meine Straße gestört,
flüstern und schweben und schwimmen:
Du bist zu schwach, du bist zu klein,
ein Blatt nur aus tausend Kalendern.
Pack dich nach Haus, kriech ins Bett hinein-
Du kannst die Welt nicht ändern.
Sieh doch die Gitter und Wände,
Knüppel und Gase und Blei, Presse und Polizei-
Du, du hast nur die Hände,
du, du hast nur dein winziges Wort
zwischen den schweigenden Ländern.
Die Zeit wälzt sich hin, und der Mut verdorrt-
Du kannst die Welt nicht ändern.
Aber dann hör ich der andern tappenden Zuchthausschritt, geh mit den Sträflingen mit, die ihre Zelle durchwandern. Ihre Hände gebunden- Meine sind es noch nicht,
und so halt ich Gericht
über die fließenden Stunden.
Sollt ich verstummen, Genossen,
wurde der Mund mir verschlossen.
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