1935
Exil
Kein Zweifel, daß es Einsamkeit ist, sogar ziemlich die weiteste Einsamkeit, die sich geistig erfahren läßt. Nur im zurückgelassenen Deutschland wäre sie noch grenzenloser. Hier draußen ist die geistige Umwelt dem Gast doch wenigstens verwandt. Aber er kennt seine über die Erde verstreuten Leser nicht, er muß in fremden Sprachen erscheinen, ihm fehlen die einst aus dem Publikum empfangenen Zeichen des guten Willens und des Dankes. Wenn jetzt Besucher bei ihm eintreten aus dem Lande, das ihn aufgenommen hat, dann sind es fast immer hervorragende Ausnahmen. Von ihnen hört er: ,, Sie sollen wissen, daß wir Sie achten und lieben"- und das ist nicht dasselbe, als wenn er früher von Leuten, die weiter nichts zu bieten hatten, Bitten um Autogramme, manchmal aber auch eine Träne erhielt. Man war anderswo sogar mit der Dummheit verbunden. Jetzt ist es viel, bei einem einzigen Freund hierzulande eine mehr als intellektuelle Teilnahme zu finden. Aus früheren Tagen ist fast alles verloren gegangen; nur dieser Freund bewährt sich gerade an unseren weniger anziehenden Erlebnissen, und das ist ein sogenannter Fremder, mit anderem nationalen Anhang als der unsere. Fragt sich, was der unsere wert war. Auskunft erteilt das Exil. Hier sind wir in der Mitte der Wohltaten, die aus der Verbannung entspringen. Gerade das Alleinstehen ist eine der strengsten und größten. Es arbeitet die Freundschaft höchst plastisch heraus, erhebt aber auch die Persönlichkeit zu dem Außerordentlichen, das sie sein kann; und das ist eine Antwort. Über das Zufällige hinaus ist es die zu erwartende Antwort auf den Mißbrauch, der dauernd getrieben worden ist mit verschiedenen Gemeinschaften, voran der Volksgemeinschaft. Das Wort Gemeinschaft hat
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