ARNOLD ZWEIG
1934
Krieg und Zukunft
Gegenüber dem Ansturm eines deutschen Militarismus, dem kein Wort so verächtlich ist wie das Wort ,, Humanitätsduselei" und der die Kräfte eines großen und begabten Volkes auf wahrhaft pathologische Weise in den Dienst primitiver Revanche- Wünsche stellt, findet sich die Welt der weißen Völker uneinig, zögernd, ohne den Willen, die Entwicklung wahrzuhaben, die sie doch geschehen ließen und mitverantworten müssen. Der Schriftsteller, der die Folgen des Krieges für die Gesittung nicht unseres Erdteils, sondern der Erde notiert, hat heute hinzuzusetzen: diese weißen Völker müssen sich darüber klar sein, daß ihre Wahl sich nur zwischen zwei Polen abspielen kann: entweder durch tathafte Einigkeit das Wiederaufleben des Krieges in Europa unmöglich zu machen und über unsern Erdteil hinaus die Phalanx der aufrechtgehenden Menschen um den wütenden Stier zu schließen, oder alle hier beschriebenen Folgen anzunehmen und den Krieg zu wählen, den Krieg, den unter günstigen Umständen herbeizuführen jene geistig minderwertigen, willensmäßig hypertrophierten Kreise der Militärs aus Leidenschaft in Deutschland entschlossen sind. Ein Drittes gibt es nicht, selbst wenn die Wiedereinführung des Krieges ins europäische Wett- und Ränkespiel noch einige Jahre oder ein Jahrzehnt hintangehalten werden könnte. Auch Wilhelm II. , seelisch durchaus gesünder als die heutigen deutschen Machthaber, versicherte der Welt immer wieder, wie heiß er den Frieden liebe; und gleichwohl bildete seine stete Kriegsbereitschaft jenen Hohlraum innerhalb der europäischen Politik, der alle Anstrengungen reiferer Völker vereitelte und zu jenem Einsturz führte, der jetzt schon zwanzig Jahre zurückliegt. Jeder von uns empfindet diesen Zeitraum als kurz, das
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