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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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169
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MAX HERRMANN- NEISSE

1933

Rast auf der Flucht

Laß mich das Leben noch schmecken, eh die Vernichtung uns trifft: Gaskrieg, Marter, Verrecken, Bombe, tückisches Gift.

Sommerlich sind noch die Stühle auf die Straßen gestellt,

Bilder, Farben, Gefühle,

Schmuck einer glücklichen Welt. Gönne mir noch diesen weichen,

kindlich verspielten Genuß,

morgen vielleicht trifft zur gleichen

Zeit mich der tödliche Schuß.

Heut noch an Springbrunnen träumen

in den tönenden Tag,

sich an das Schöne versäumen

kurz vor dem Glockenschlag,

der das alles beendet,

dem letzten, den man vernimmt. Was das Geschick dann sendet,

werde, wie es bestimmt.

Heut laẞ zum letzten Male

arglos und froh mich hier sein,

fülle die gläserne Schale

mir mit Abschiedswein! Wird sie geleert zerscherben,

war ich doch göttlich zu Gast. Gönne vor Kampf und Sterben mir diese lindernde Rast!

( Paris , September 1933)

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