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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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HEINRICH MANN

1933

Aus: Der Haß

Da ihr System nicht die Demokratie ist, herrscht bei ihnen der Pöbel. Sie sind um einen Fang gekommen, um die Einkerkerung der Denker und Schriftsteller, die gestern Deutschland waren und künftig von ihm übrigbleiben werden. Wir waren fortgegangen aus unserem Land, das ihres nie wirklich sein wird. Da verbrennen sie denn we­nigstens Bücher, was nicht erblickt worden war seit der Inquisition . Und besteht der Scheiterhaufen auch besonders aus den Werken Lebender, schon fangen sie an, auch Klassiker daraufzuwerfen. Ist doch unsere klassische Lite­ratur ein einziges Zeugnis der Menschlichkeit, zu ihrer eigenen Gesinnung der verhaẞte Gegensatz. Als erste sind Lessing und Heine den Flammen überliefert worden. Wagten sie es nur, sie würden auch Goethe verbrennen, den höchsten Genius Deutschlands. Sie weichen zurück, sie haben Furcht.

Die ursprüngliche Neigung des Menschen zur Zwie­tracht und Gewalt ist durch seine Geschichte nur verstärkt worden. Die Eroberung des Friedens wird noch lange das schwerste Unternehmen bleiben, und viel Kampf wird es kosten, eine versöhnliche Gesinnung durchzusetzen.

Man muß immerfort aufpassen und handeln. Wer bloẞ zusieht, wartet vergebens, daß Frieden wird: es wird nur Krieg. Der Krieg kommt schon, wenn man einfach nichts gegen ihn tut. Nicht angreifen beweist nichts. Krieg ist eigentlich, sobald eine rücksichtslos nationalistische Herr­schaft sich irgendwo einrichtet. Ein vom Gesetz des Stär­keren regiertes Land gerät von selbst in den Konflikt.

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