ROBERT REITZEL
1895
Ich ,, vaterlandsloses Gesindel"
Detroit, im April 1895
Ich bin ein armer Teufel. Die Dümmsten der Dummen haben es noch für einen Witz gehalten, mir meinen selbstgewählten Titel an den Kopf zu werfen. Und doch bin ich reich. Mit den Zinsen meines Kapitals der Liebe könnte ich den schlappen Säckel manches prahlerischen Großhansen füllen, mit der Ehre, die mir angetan wurde, könnte man fünfzig unbekannte deutsche Dichter glücklich machen, an dem Wein der Freundschaft, den ich genossen, hätte der ganze Hain - Bund sich voll und wieder nüchtern trinken können. Aber die Schmach blieb nicht aus. Ich bin kein Deutscher. Ich bin ein heimatloser Lump. Ich bin vaterlandsloses Gesindel. Wer heute nicht mitsingen und -trinken und Hoch schreien kann, der ist kein deutscher Mann so wurde schon mehr als einmal die Devise ausgegeben. Ich, der ich sonst so gerne trinke und singe, konnte jedesmal nicht mitmachen, nicht einmal am Deutschen Tag, folglich bin ich kein deutscher Mann.
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Ich habe aber im badischen Lyzeum gelernt, die Liebe zur Freiheit sei eine Haupteigenschaft der Germanen; da es im Tacitus stand, so konnte es der Oberstudienrat nicht gut ausmerzen. Diese germanische Freiheitsliebe ließ mich das Bettelstudium der Heimat mit der Freiheit Amerikas vertauschen...
Unser, das heißt der deutsche Schiller, erzählt, der Poet sei zur Teilung der Erde zu spät gekommen; ich bin, wenigstens in meiner Einbildung, auch so eine Art Poet und fand es ganz natürlich, daß ich nichts bekommen. Aber ich wollte mir meine Armut nicht schänden lassen. Ich habe nie um schnöden Profit meinen Rücken oder meinen Geist gebeugt...
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