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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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ABT

1849

Soldat Schmidt

Schmidt verrichtet alle soldatischen Dienste mit Bereit­willigkeit, er kennt nur ein Motiv für seine Tätigkeit, das Kommando des Vorgesetzten. Er erträgt Entbehrungen für 6 Kr. tägliche Löhnung, obgleich er zu Hause eine weit angenehmere Existenz hätte. Er macht Honneurs, steht Wache, verhaftet Menschen, die ihn niemals belei­digten, schießt Demokraten tot, hilft den Aufstand in Baden unterdrücken und tut alles dies, nicht gezwungen, nicht ungern, sondern ohne Murren und bereitwillig, ja singt jeden Abend noch ,, Heil unserem Fürsten, Heil", auf dessen Befehl er alle jene Unannehmlichkeiten und Stra­pazen ertragen muß.

Wie ist diese Erscheinung zu erklären? Einfach so: alle diejenigen, deren Interesse an den unbedingten Gehorsam der Soldaten geknüpft ist, deren Interesse durch Desertion, Meuterei, überhaupt subordinationswidriges Benehmen der Soldaten verletzt würde, haben solche Handlungen als ,, Verbrechen", das heißt, sie haben sie als Handlungen dargestellt, welche jeden, der sie begeht, zu einem Feind des Menschengeschlechts, zu einem Scheusal, zu einem ver­abscheuungswürdigen Bösewicht qualifizieren. Diese An­sicht haben sie durch Pfaffen und Schulmeister von Jugend an ihren Untertanen einimpfen und einprügeln lassen, so daß diese nunmehr kein höheres Interesse kennen, als jene Handlungen nicht zu begehen, so daß diese um keinen Preis solche ,, Schandtaten" sich zuschulden kommen lassen und lieber sterben wollen, als ihr angeblich höchstes Interesse auf so schnöde Weise zu verletzen.

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