WILHELM SCHULZ
1843
Man erinnere sich, daß das mehr als beruhigte Deutschland noch zur Stunde eine weit größere Zahl politischer Gefangener und politischer Verbannter aufzuweisen hat als das von Aufständen und Emeuten so lange heimgesuchte Frankreich . Man vergegenwärtige sich die Greuel der geheimen deutschen Inquisition in den endlosen politischen Untersuchungen- so wird man schon darin hinlänglichen Stoff zu einem Kommentar des deutschen Volksliedes finden: ,, Was ist des Deutschen Vaterland?"..
Bringen wir nur aus neuerer Zeit, seit dem Frankfurter Attentat, die Namen einiger dieser Unglücklichen in Erinnerung:... Minnigerode aus Darmstadt , ein zarter Jüngling, von schwachem Körper und starkem Geiste. Mit rührender Ausdauer widerstand dieser der Seelenfolter, die ihm Geständnisse abpressen sollte, wodurch er Freunde ins Unglück gestürzt hätte; er widerstand, bis sein Geist in Zerrüttung fiel. Erst auf dem freien Boden von Nordamerika fand er seine völlige Genesung wieder. Ein anderer politischer Verhafteter, Stahlberg aus Köslin , zu Silberberg in Schlesien in Haft, wurde von einem Augenübel befallen. Die Ärzte beantragten seine Versetzung von Silberberg; sie wurde verweigert; er erblindete. Wie manche andere legten Hand an sich selbst, um den Leiden einer Gefangenschaft zu entgehen, die ihnen schlimmer als der Tod erschien, härter als die härteste Strafe, die sie treffen konnte! Wie viele erlagen einem Nervenfieber, das durch die geistigen und gemütlichen Erschütterungen des geheimen peinlichen Verfahrens erzeugt war! Und wer zählt gar alle auf, in denen reiche Hoffnungen, die das deutsche Vaterland auf sie setzen durfte, vernichtet wurden, deren Kraft für immer gebrochen ist, deren Jugendblüte im Kerker schnell verwelken mußte?
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