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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
Seite
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WILHELM WEITLING 1842

Fluch euch Tyrannen!

Eure Blutbeile, eure Schafotte, eure ungeheuren Waffen- fabriken und Niederlagen, eure stehenden Heere, eure schweren, dumpfen Gefängnisse, rufen und schreien sie nicht Mord bei Tage und Mord bei der Nacht?...

Ihr habt keine Pariser Bluthochzeiten, keine Inquisitions- feuer mehr, um eure politischen Opfer darin abzuschlachten und zu braten, aber ihr habt eine grausamere, fürchter- lichere Qual erfunden ihr lasset dem Individuum die Bürde des physischen Lebens und bemüht euch zuerst sein geistiges zu töten. Zu diesem Ende habt ihr jene schänd- lichen, barbarischen Gefängnisse erfunden, in welche man eure unglücklichen Opfer zu einer fürchterlichen, ewigen Einsamkeit verdammt, ihnen weder den Blick der Sonne noch die Stimme eines Unglücksgefährten vernehmen läßt. Nur den Blicken ihrer müßigen Wärter beständig ausge- setzt, ohne sich ihnen entziehen zu können, ohne selbst ihre Gegenwart zu bemerken, hocken sie da in der feuchten, dumpfen, stillen, unveränderlichen Ewigkeit ihrer vier Wände. Und warum? Großer Gott! Das Herz möchte einem brechen, wenn man verpflichtet ist, über solche Ar- tikel zu diskutieren.- Die nennen sich aufgeklärt, welche diese schändliche Maßregel zuerst einführten! Fluch euch modernen Tyrannen! Fluch! dir schändlichem Erfinder, ewigen Fluch! Du bist nicht wert, daß dich die Erde im

19. Jahrhundert trägt. Du Unmensch hättest sollen zu den Zeiten der rohen Barbarei auf die Welt kommen, jetzt brauchen wir der studierten, raffinierten Mörder nicht mehr, die Gesellschaft hat deren in Menge. Weine! weine! wenn-du dich nur geirrt hast, wenn dieser teuflische Plan keine tiefe Böswilligkeit, keine tyrannische Schaden- freude birgt! Weine! weine die bittersten Tränen der Reue,

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