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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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VIII
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Und es wäre lohnend, zu zeigen, mit welchen Mitteln sie hatten fliehen müssen, einst und heute, um überhaupt ein solches Leben fristen zu können. Die halsbrecherische Flucht des Offiziers und Schriftstellers Wilhelm Rüstow aus dem Gefängnis, die abenteuerliche Befreiung Kinkels, Johannes Scherrs knappes Entrinnen vor den Häschern schon das aufs Geratewohl gegriffene Beispiel dieser drei Dozenten des Polytechnikums in Zürich zeigt, daß die Flucht des deutschen Geistes über die Grenzen der Heimat im 20. Jahr- hundert kein Novum ist, von der Neuheit der ungeheuer- lichen Begleiterscheinungen abgesehen. Unter den Na- tionen, deren Söhne das Vaterland verlassen mußten, weil sie es liebten und deshalb gegen seine Schändung durch grausame willkürliche Gewalt ankämpften, nimmt Deutsch- land den ersten Platz ein. Es ist ein Weg heroischen Kampfes und bitteren Leides, der von Ulrich von Hutten durch die Jahrhunderte zur Emigration unserer Zeit führt.

Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst,

Er trägt nicht Gold, er trägt nicht Fürstengunst,

Er bringt Verbannung, Hunger, Schmach und Tod; Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst...

Das sind Worte Ludwig Uhlands, der dem Freiheits- gedanken treulich gedient hat, ohne daß er gezwungen war, auf dem Schlachtfeld des Exils nach Freiligraths Bild zu streiten. Unsere Auswahl gilt nur denen, die, wie Dante, das harte Brot der Verbannung aßen und die im fremden Land in der deutschen Muttersprache ihre Liebe und ihren Haß sagen mußten für das, was sie zurückgelassen hatten. Sie rächten sich mit ‚‚Siegesklange an des Verfolgers feigem Ohr, und sie nahmen in schmachvollsten Zeiten deutscher Geschichte weiter den Ruf Schillers auf: Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben; bewahret sie!

Sie haben sie bewahrt; sie wurden gehetzt und verurteilt, verleumdet und verschwiegen, sie ließen sich nicht beirren, sie wurden die Künder der Wahrheit und Verfechter des

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