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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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Weisheit wird auf dem Markte des Lebens selten billig eingekauft, aber am Ende weiß man doch, was man an ihr hat. Ich habe nun wirklich den Flügelschlag des Schicksals über meinem Haupte rauschen hören, ohne nach links oder rechts ausweichen zu können, und ich finde, dies waren die inter­essantesten Augenblicke meines bewegten Daseins: in bezug auf das Verhalten derer nämlich, die als unbeteiligte Zuschauer daneben standen und ihren Senf dazu gaben. Jeder Mensch hat seine Neider, auch der friedfertigste. Da standen sie, die andern nämlich, lachten sich ins Fäustchen und sprachen:, Ei, was für ein ganzer Kerl bin doch ich! Ich denke im Grunde genau so wie dieser Hammel da, dieser Idiot, den sie da eben eingesperrt haben. Aber ich habe das Geschick, da wegzu­bleiben, wo jener leidet!' Anstatt zu sagen: Ist er nicht trotz allem ein rechter Kerl? Er hat die Kraft, unter einem Schicksal zu leben, das mich erdrücken würde!' Wenn einem der Lebensweg verhagelt, dann soll man nämlich immer selber schuld daran gewesen sein. Kommt man anständig durch, so ist das nach Meinung dieser Leute unverdientes Glück. Dem Un­geschick, der Dummheit und wohl gar dem bösen Willen wird eben immer mehr in die Schuhe geschoben als nötig und billig ist. Aber dieses Urteil der andern ist ja im Grunde ganz un­erheblich; denn es geht alles vorüber so oder so...

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Mit diesem Schlußstrich unter meine Leidenszeit entschlief ich sanft in der fünften Morgenstunde des 13. April 1945. Ich leugne es nicht: ich war mit mir zufrieden. Ohne eine kleine Eitelkeit ist nun einmal kein Mensch, und ich hatte das Ge fühl, daß ich in dieser Zeit keine unwürdige Rolle gespielt hatte. Ich hatte mich nicht demütigen lassen, weder durch die Gestapo und den öffentlichen Ankläger, noch durch das Zuchthaus und alles das, was mit dem Vollzug eines Urteils zu­sammenhing, das ohne die anerkannte Grundlage eines Ge­setzes im Namen des Volkes gefällt und vollstreckt worden war. Viele moralische Widerstände hatte ich zusammenbre chen sehen und dabei feststellen müssen, daß man echtes Hel­dentum selten im Lärm der Schlachten und dort findet, wo Ritterkreuze mit Schwertern und Brillanten verteilt werden, sondern vielmehr im Alltag: im Behaupten eines festen Sinnes gegenüber prasselnder Anmaßung und frechem Mißbrauch der Macht... Ich wäre gewiß weniger selbstzufrieden gewesen,

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