,, Dann", so sagte Claire nach kurzem Zögern mit einem liebenswürdigen Lächeln, ,, nehme ich die so herzlich angebotene Gastfreundschaft gern und mit Dank an. Ich hatte wirks lich ein wenig Angst vor einer Wanderung in dieser Finsters nis durch eine unbekannte Stadt, und meinem Freunde kann ich nicht zumuten, mich zu begleiten."
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Ich gestehe, daß ich auch glücklich war über diese Lösung. Natürlich hätte ich Claire nicht allein nach Schönefeld wandern lassen, zumal die Gefahr einer neuen Verhaftung so, wie ich damals die Dinge sah durchaus noch nicht bes hoben war...
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Ich weiß nicht, war es der Kognak, oder die offene Herzlichkeit, mit der ich in der ersten Stunde meiner Freiheit empfan gen worden war jedenfalls nahm ich in gehobenster Stimmung von der kleinen Gesellschaft Abschied. Claire weinte ein paar Tränen der Rührung und umarmte mich. Dann nahm ich noch einen Abschiedsschluck, ergriff meinen Koffer und stolperte hinaus auf die Straße. Ob ich dabei noch ganz gerade ging, weiß ich auch nicht. Man soll eben keinen Kognak in einen leeren Magen gießen!
Ich war nur wenige Schritte die völlig zerstörte Nürnber ger Straße entlang gegangen, als ich im Scheine einer verdunkelten Laterne zwei Mädchen mit Koffern mitten auf der Fahrbahn stehen sah, die sich offenbar über den Weg nicht klar waren, den sie einschlagen sollten. Eine von ihnen ging mir entgegen und fragte in gebrochenem Deutsch, auf wel chem kürzesten Wege sie nach dem Gasthaus, Grüne Schenke' gelangen könnten. Es war unschwer zu erraten, daß auch sie aus dem Zuge stammten, der vor etwa zwei Stunden das Polizeigefängnis verlassen hatte. Das bestätigte sich denn auch nach wenigen Worten.
Die jüngere der beiden, ein Mädchen von kaum zwanzig Jahren, war eine Dänin, die wegen Arbeitsvertragsbruches zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden war, die ältere eine Norwegerin von schätzungsweise dreißig, die zwei Jahre Zuchthaus hinter sich hatte wegen, Vorbereitung zum Hochverrat. Sie war aus dem Zuchthaus Celle , rückgeführt' worden zur Gestapostelle Leipzig , da sie zuletzt hier gearbeitet hatte. Die Dänin wohnte in der Gegend der, Grünen Schenke
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