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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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war der

die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Claires Deutsch den letzten Schliff zu geben. So hatte sie sich ein klares, voll­kommen wortsicheres Hochdeutsch erworben, das mich heute schon mehrfach in Erstaunen gesetzt hatte. Im übrigen hätte sie nicht so reizend und keine Pariserin sein dürfen, um die kleine Gesellschaft nicht zu bezaubern. Zudem Kognak ausgezeichnet, und als die erste Flasche niedergemacht war, erschien neben einer zweiten Flasche für die Herren noch eine Flasche Likör für die Damen auf dem Tische. Man hatte Rommé mit französischer Karte gespielt. Claire, schon ein wenig beschwipst von dem so lange entbehrten Likör, ergriff die Karte und überraschte uns alle durch eine ganze Reihe trefflicher Kartenkunststücke, die sie mit humorvollen kleinen Geschichten würzte. Auch auf mich begann der unge­wohnte Alkohol zu wirken. Kein Wort fiel über die Vergan­genheit; keine neugierige Frage über den Anlaß unserer Ver­haftung und Bestrafung. Claire und ich vermochten in die­ser kleinen Stunde kaum zurückzudenken an das, was wir noch vor kurzem erlebt hatten.

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Und wo bleiben Sie diese Nacht?" fragte die jüngere der beiden Frauen.

,, Irgendwo", antwortete Claire sorglos. ,, Le bon Dieu wird schon ein Plätzchen für uns vorgesehen haben; wenn es nicht anders ist, auf der Straße. Der neue Tag ist ja nicht mehr fern, und morgen werden wir sehen, wie wir weiterkommen. Ich habe eine Freundin in Würzburg , und wenn ich noch vor dem Einmarsch der alliierten Truppen dorthin komme, ist für mich die soziale Frage zunächst einmal gelöst."

,, Sie können nicht zwischen Trümmern umherirren in einer Ihnen gänzlich unbekannten Stadt. Das können wir nicht dul­den. Wenn Sie mit einem einfachen Lager bei uns fürlieb nehmen wollen, sind Sie herzlich willkommen."

Claire blickte mich fragend an.

,, Das ist jedenfalls eine bessere Lösung als der weite Weg nach Schönefeld, wobei es noch nicht einmal sicher ist, ob du dort ein Unterkommen findest", sagte ich.

,, Und du?"

,, Ich habe Freunde genug hier in Leipzig . Um mich brauchst du dich nicht zu sorgen."

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