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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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Ich wollte mich mit Dank zurückziehen, aber einer der Männer hielt mich durch die Fortsetzung des Gesprächs zu­rück. ,, Sie sind fremd in Leipzig ?" fragte er.

د,

Wie man's nimmt. Ich kenne das zerstörte Leipzig noch nicht, und draußen wartet ein junges Mädchen auf mich, das ganz fremd hier ist. Wir kommen nämlich beide aus dem Po­lizeigefängnis."

Ich weiß nicht, woher mir der plötzliche Einfall kam, dies zu sagen; aber ich fühlte mich in diesem Augenblicke dem Schicksal ganz unbedingt überlegen... Die Kartenspieler legten ihre Karten beiseite und blickten mich überrascht an.

Das is ja indressant", sagte der Mann. ,, Da is es Ihnen wohl dreckig genug gegangen?"

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Teils

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teils. Im Zuchthause war es schlimmer."

Der Mann erhob sich mit beschwingter Bewegung. ,, Seien Sie mir gegrüßt, Kamerad! Ich bin auch zehn Mo­nate im Bau gewesen. In der Elisenburg, wenn Sie die kennen sollten. Beim alten Papa Dietze. Untersuchungshaft. Heim­tückegesetz. Na, daß Sie keine silbernen Löffel geklaut haben, das sieht man auf den ersten Blick. Sie brauchen mir nichts zu erzählen. Aber Sie müssen unbedingt mit mir anstoßen auf eine baldige und endliche Erlösung von dieser gott­verdammten braunen Pest!"

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Er schüttete ein Wasserglas voll Kognak und reichte es mir. Ich nippte. Gestatten Sie, daß ich meiner Freundin draußen auch einen Schluck bringe? Sie hat's redlich verdient. Vier Jahre Lager. Eine reizende Französin, die im übrigen besser deutsch spricht als viele Mädchen ihres Alters in Sachsen ."

,, Reinbringen!" lachten die Kartenspieler., Hier ist Platz. Ihr werdet doch nicht in der Stockfinsternis draußen her umlaufen, wo die Bombenschmeißerei gleich wieder losgehen kann. Bei uns is es immer gemütlich!"

Ich verschwand und holte Claire und unser kleines Gepäck herein.

Claire entpuppte sich als eine Dame von geradezu neider­regenden Umgangsformen. Sie hatte mit Fleiß und guter Be gabung fünf Jahre Deutsch auf einem Pariser Lyzeum gelernt und hatte das Glück gehabt, im Lager zu Maltheuer eine Leh­rerin aus Brünn zu treffen und sich mit ihr zu befreunden,

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