Henry auch in einem Päckchen größere Geldscheine nach Aachen geschickt. Dort nahm sie ein Grenzgänger mit hin- über. Ich habe übrigens auch ein Konto bei der Widerstands- bewegung und werde, wenn ich heimkomme, über Geld ver- fügen können. Aber deswegen habe ich es ja nicht getan. Die Sache war ja ganz gut ausgedacht, aber ich glaube kaum, daß wir damit allzugroßen Schaden angerichtet haben. Denn die Deutschen gaben ja selber genug Geld aus. Da sind die paar Millionen, die wir in den Verkehr gepumpt haben, gar nicht groß ins Gewicht gefallen. Wenn man sich freilich bei meiner Wochenendreise nach Zwickau einmal gefaßt hätte, dann wäre ich nicht mehr am Leben. Henry kriegte also rechtzeitig Wind und verschwand lautlos wie’s Röhrenwasser aus Plauen . Von mir wußten sie, daß ich öfter mit ihm zusammen gewesen war, und griffen mich. Man konnte mir freilich gar nichts nachweisen. Aber die Gestapo wollte eben mehr wissen. Die Verhöre! Stundenlang. Tagelang. Wochenlang. Nein— ge schlagen haben sie mich nicht. Aber es gibt Dinge, die fast unangenehmer sind. Stundenlang unter der Hitze von einem halben Dutzend hundertkerziger Glühlampen sitzen und ewig auf dieselben Fragen dieselbe Antwort geben, das ist auch keine Kleinigkeit.— Weißt du eigentlich, wo wir hier sind?“
Ich schaute mich forschend um und gewahrte ‚einen Licht» schein, der aus einem Kellerfenster des Hauses gegenüber schimmerte.
„Bleib’mal einen Augenblick mit meinem Koffer hier sitzen, Claire“, sagte ich.„Ich werde mich mal erkundigen. Da drüben scheinen noch Menschen im Keller zu sein.“
Der Eingang zum Keller war unschwer zu finden. Ich stieß die Tür auf und trat in einen von zwei Kerzen freundlich er» leuchteten Raum. Zwei Männer und zwei Frauen saßen auf Gartenstühlen um einen altersschwachen Tisch und spielten Karten. Eine Flasche Kognak stand hinter ihnen auf einem Mauervorsprung.
„Ist der Alarm vorüber?“ fragte die jüngere der beiden Frauen, die meinen Eintritt zuerst bemerkt hatte.;
„Ich weiß es nicht. Eine Entwarnung habe ich jedenfalls nicht gehört, und Bomber surren noch immer in der Luft herum. In was für einer Straße sind wir hier?“ „Liebigstraße.“


