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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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kannt auf sechzig Namen zusammengestrichen. Einige von denen, die auf der ersten Liste standen, waren übrigens schon ausgelöscht worden. So wurde kurz vorher ein Gefangener in seiner Zelle von einem SS.- Mann erschossen, der bis dahin an Händen und Füßen gefesselt auf seinen Abtransport in ein Lager gewartet hatte. Wessen man ihn beschuldigte, weiß ich nicht. Roßberg hat den Toten auf die Bahre gelegt und mit hinausgetragen. Rettig, der Philosoph des Polizei- Knastes, widmete ihm bei dieser Gelegenheit einen kurzen Nachruf: Ch' hab's doch glei' gewußt, schon wie der' reingam, daß der nich lewendch ausn Hause widder' rausgommen wärde. Da war doch Wildenhain von der Gestapo drbei, un wo der schon selwer einliefert, da weeß'ch Bescheid. Soll ä Bardisane gewesen sin. Na ja, da wär er ja sowieso um de Riebe ge gomm' bei äner Verhandlung. S'is gee Schade um so ä Gerl. Er is ja ooch glei' dot gewesen!"

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Mit dieser abschließenden Bemerkung hatte Rettig nun frei­lich recht. Die Kugel war oberhalb des rechten Auges ins Ge­hirn gedrungen.

Von dem Vorhandensein einer solchen Liste war uns damals natürlich noch nichts bekannt. Mein Name stand sowohl auf der umfassenderen ersten, als auch auf der zusammengestriche nen zweiten Liste. Ich muß annehmen, daß weder die erste, noch die zweite Liste dem Generalstaatsanwalt Jung in Dres­ den vorgelegen hat.

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Am 12. April wurden in der achten Morgenstunde plötzlich alle in der Halle arbeitenden Gefangenen auf ihre Zellen ge­schickt. Vom Westen her tönte Geschützfeuer.

,, Die Aamerikaner sind gestern in Großdeuben eingerückt. Um Zwenkau ist heftig gekämpft worden", berichtete der Studienrat Krause, der am Abend vorher in unsere Zelle ein­gezogen war.

,, Dann kann der Einmarsch in Leipzig also innerhalb weni­Stunden erfolgen", sagte ich. ,, Heute fällt die Entscheidung über unser Schicksal."

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, Wie meinen Sie das?" fragte Dr. N. mit bangem Unterton. ,, Ich meine, daß im Hause etwas vorgeht, wenn alle Ges fangenen auf den Zellen gehalten werden."

Unsere Unterhaltung bewegte sich um das bevorstehende Er­eignis des Falles von Leipzig . Sogar Dr. N. betonte in dieser

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