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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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schehen mitbrachten. Anfang April wurde mir klar, daß die Gestapo bereits alle Vorbereitungen zur Flucht getroffen hatte. Ein SD.- Mann, der häufig Gefangenenverhöre an unserem Arbeitstisch durchgeführt hatte, zeigte dem SS. - Spitzel Koch, der als Wachtmeister die Beamten des Polizeigefängnisses im Gestapo - Auftrage überwachte, seine neuen, Papiere'. Jeder Gestapobeamte hatte den Namen eines im Alter und in der Personalbeschreibung passenden Mannes übernommen, der ir­gendwann und irgendwo von der Gestapo ermordet wor den war. Neue Photos waren in alte Papiere eingeklebt und sachkundig überstempelt worden. So waren Ausweise ent standen, deren Verfälschung nur von einem genauen Sach­kenner festzustellen war.

,, Man muß sich eben richtig auswendig lernen", sagte der SD.- Mann, daß man seinen Geburtstag immer richtig an­gibt und so. Der Alte hat nur solche Papiere genommen, wo die Heimatkartei bestimmt verbrannt ist. Die meisten sind aus Dresden . Da kann nachher viel angefragt werden. Wir hatten ja die Auswahl. Und keiner weiß vom anderen den neuen Namen. Wenn der Befehl zur Auflösung kommt, geht jeder seiner Wege auf eigene Rechnung und Gefahr. Ein biß­chen was hat ja jeder hinter sich, und wer nichts beiseite ge­bracht hat, ist eben ein Rindvieh gewesen. Wer kennt uns schon, wenn wir uns hier schwach machen? Die uns wirk­lich kennen, es werden ja nur ganz wenige sein!" Er verzog sein Gesicht zu einer bösartigen Fratze und machte eine sprechende Handbewegung.

Das alles sagte er so, daß ich, nur wenige Schritte von ihm entfernt, seine Worte verstehen konnte, und das gab mir die Gewißheit: Man würde im letzten Augenblicke so viele ge­fährliche Mitwisser ausschalten wie eben möglich war.

Was ich nun über die Ereignisse der letzten beide Tage unserer Haft im Polizeigefängnis niederschreibe, das fließt zum Teil aus der Kenntnis dessen, was ich erst nach dem Ab­schluß der Lindenthaler Tragödie erfahren habe...

Wahrscheinlich auf Anordnung des Reichssicherheitsamtes war eine Liste mit den Namen derer zusammengestellt worden, die vor Auflösung der Leipziger Gestapostelle beseitigt wer den sollten. Die Liste umfaßte hundertzwanzig Namen. Sie wurde am 9. April auf wessen Veranlassung, ist mir unbe­

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