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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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In den nächsten Wochen überstürzten sich die Ereig nisse so heftig, daß ein zuverlässiger chronologischer Bericht aus der Erinnerung nicht mehr möglich ist. Meine Frau besuchte mich ein letztes Mal, ehe sie nach Süddeutschland abreiste. Ich hatte ihr selber dazu geraten, Leipzig zu verlassen. Da, wo sie bisher ein Unterkommen gefunden hatte, waren Opfer der Dresdner Katastrophe einpassiert, völlig zerbrochen an Leib und Seele, und meine Frau fühlte sich verpflichtet, ihnen Platz zu machen. Außerdem hoffte sie, in der kleinen würt­tembergischen Stadt, die ihr Reiseziel war, nicht in dem Um­fange bombengefährdet zu sein, wie in der Großstadt. Unsere letzte Unterhaltung wurde von einem Gestapo - Beamten über­wacht, der offenbar das sehr richtige Gefühl hatte, daß sein Dabeistehen zwecklos sei. Er unterhielt sich mit seinem Polizei­kollegen am Schreibtische, während ich meiner Frau in Eile alles Notwendige unter Ausschluß der Oeffentlichkeit klar legen konnte. Dann verabschiedeten wir uns voneinander mit dem Versprechen, daß ich, sobald ich frei sein sollte, ihr nach­reisen würde. Wir konnten beide damals nicht ahnen, daß dieser Abschied eine lange Trennung darstellen würde mit viel Kummer und Sorge für beide Teile...

Dr. Welter wurde Anfang März entlassen. Ich wurde sein Nachfolger als Schreiber. Moser kam ebenfalls in Freiheit. Ende März war Plesse, unser Knasttischler und Mädchen für alles', auch ein Politischer, plötzlich aus dem Gefängnis ver­schwunden. Man sagte, er sei auf dem Wege zur Auenstraße, dem Gestapo - Hauptquartier, geflohen. Ich stand dieser Version skeptisch gegenüber. Die Wahrheit war denn auch anders: Plesse war von der Gestapo das Angebot gemacht worden, als Spitzel zu arbeiten und eine Reihe, Illegaler an sie auszulie­fern. Plesse hatte zunächst abgelehnt, dann aber sich gesagt, daß er auf dem Wege die Gefährdeten warnen könne, um anschließend selber auf kürzestem Wege, illegal' zu werden. Das ist ihm auch gelungen. Roßberg war von ihm in alle Einzelheiten eingeweiht worden und erhielt wöchentlich zwei­mal in einer Obsttüte genauen Bericht über Plesses Tätigkeit, bis dieser aus dem Gesichtskreis der Gestapo verschwand... Dann also kam der Vorstoß der Amerikaner über Kassel und Gotha bis nach Jena . Täglich kamen neue Verhaftete herein, die zuverlässige Nachrichten über das militärische Ge­

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