Druckschrift 
Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
284
Einzelbild herunterladen

Schicksals. Von ihm war allerhand zu lernen. Er handelte immer, richtig, und wenn es ihm einmal dreckig gegangen war, dann hatte er sicherlich verstanden, in punctum minoris resistentiae auszuweichen. Die Unbequemlichkeiten des Knast­lebens ertrug er mit unüberbietbarem Humor. Schon wenige Tage nach seiner Einlieferung hatte er eine zuverlässige Verbin­dung mit der Außenwelt hergestellt. Er war bei einem Arbeits­kommando und brachte abends immer die neusten Zeitungs­nachrichten mit. Seine, Kommentare des Tages' waren entschie­den humorvoller und realistischer als die, die heute von den unterschiedlichen deutschen Sender in den Aether gestrahlt werden. Als er uns verließ, sagte er zu mir: ,, Sobald du aus dieser Bude rauskommst, besuchst du mich. Und wenn du dann Hunger haben solltest, wie ich vermute, dann verlaẞ dich drauf: Bei Fritze Oehme gibt's anständig was zu pickern!" Dieses Versprechen hat er denn auch uneingeschränkt gehalten!

Der 27. Februar war ein neuer schwerer Schlag für Leipzig : Großangriff amerikanischer Bombenflugzeuge auf die Innen­stadt. Um die Mittagstunde brausten sie heran. Bei Alarm muẞ­ten alle Gefangenen in die Zellen. Wenn die ersten Bomben fielen, wurden die Zellen aufgeschlossen, blieben aber von außen verriegelt. Diese Maßnahme hatte natürlich nur eine psychologische Bedeutung. Sie sollte dazu dienen, den Glau ben aufrechtzuerhalten, daß im Falle der Gefahr die Zellen sofort und ohne weiteren Zeitverlust geöffnet werden wür den. Wie die Praxis beim Angriff auf Dresden ausgesehen hatte, war ja inzwischen ganz allgemein bekannt geworden. Viele Gefangene waren in den Zellen verbrannt.

Ich war mit Oehme, Vanouek und dem Serben in die Zelle eingeriegelt. Diesmal galt der Angriff ganz unmittelbar der Umgebung des Königsplatzes. Die erste Bombe fiel zwanzig Meter von uns entfernt in die Küche des Gefängnisses in der Beethovenstraße, erschlug zwei Aufseher und sechs Ge fangene und richtete an der Rückseite des Polizeigefängnisses allerlei Verheerungen an. Das Flugzeug brauste in geringer Höhe über uns hinweg. Wir saßen, in Decken gehüllt, in der Ecke neben der Tür, als unser Fenster samt dem Rahmen vom Luftdruck quer durch den Raum geschleudert und an der Tür in Stücke geschlagen wurde. Schwarzer Ekrasitrauch und

284