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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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als daß es je zu einem entschiedenen Vorgehen hätte kommen können. Daher also war Roßberg ein Diplomat geworden. Jeder Wachtmeister hatte bei ihm ein Konto', und dieses Konto wurde völlig geheim geführt. Keiner wußte genau, was auf diesem Konto stand. So gab man sich ihm gegenüber eher freundlich als feindselig, ja es gab sogar Wachtmeister, die ihm die Verfehlungen ihrer Kollegen zutrugen, um sich bei ihm beliebt zu machen, was denn oft geradezu belustigend wirkte. Ein besonderer Fall war unser Serbe, der Dolmetscher. Er hatte eine heimliche Angst vor dem Kriegsende. Die Rück­kehr in seine Heimat war ihm versperrt, da er sich in Belgrad der Gestapo als Spitzel zur Verfügung gestellt hatte. Er ver­mutete also mit einigem Rechte, daß man ihm in Jugoslavien die Haut bei lebendigem Leibe abziehen würde, wenn er so leichtfertig sein sollte, dahin zurückzukehren. Er war ein Hüne von Gestalt, aber seine Nerven hatten irgendwann und ir­gendwo erstaunlich gelitten. Beim ersten größeren Bomben­angriff am 6. Februar packte ihn eine derart sinnlose Angst, daß er in Weinkrämpfe verfiel. Wir hatten unsere liebe Not mit ihm. Am 10. Februar machte er einen lächerlichen Flucht­versuch, wurde gegriffen und in Dunkelarrest gesteckt. Er be­gründete seine Flucht mit dem panischen Schrecken, den er in der verriegelten Zelle beim nahen Einschlag von Bomben ge= habt habe, aber das wollte ihm natürlich niemand glauben. Der letzte Monat der Haft ist für ihn zweifellos recht un gemütlich gewesen.

Unter den vielen, oft täglich wechselnden Zellengenossen, die ich hatte, muß ich unbedingt noch Fritz Oehmes gedenken, der mein Freund wurde. Er war von einem Hausgenossen denun­ziert worden, weil er Tauschgeschäfte mit einem gefangenen Franzosen gemacht hatte. Fritz war ein Mann ohne jede ge­lehrte Bildung, zugleich aber von einer geistigen Wendigkeit und Klarsichtigkeit, die den Neid jedes Universitätsprofes sors hätte erwecken können. Herr Hartnacke, ehedem einmal Sächsischer Kultusminister, der ein Leben lang Reden gegen die , Verkopfung unserer Schule gehalten hat, hätte an diesem gänz lich unverbildeten Sohne der Leipziger Neustadt sicherlich seine helle Freude gehabt. Fritz Oehme hatte das Leben immer so gesehen, wie es wirklich war: als einen ewigen Kampf gegen die Nücken und Tücken eines mit Vorsicht zu genießenden

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