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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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mäßig durch das Rote Kreuz mit dieser Ware beliefert wor den waren.

Moser war hier unter dem Verdachte, als Halbjude wider­rechtlich die Funktionen eines Wirtschaftsprüfers ausgeübt zu haben. Dabei floß nachweislich in seinen Adern kein Tropfen jüdischen Blutes. Sein Vater war Armenier und im ersten Weltkriege von der türkischen SS., den Kurden, genau so bar­barisch ermordet worden wie jetzt die Juden von Himmler umgebracht wurden. Er bemühte sich bei der Gestapo um den , arischen Nachweis', was einer handfesten Denunzation gegen­über natürlich völlig zwecklos war. Aber so ganz hoffnungs­los muß sein Fall doch nicht gewesen sein; denn er wurde noch vor der Verflüchtigung der Gestapo aus dem Gefängnis entlassen.

Ein besonders tragischer Fall war der des Dr. Felix Welter aus Luxemburg . Er war als Friedensrichter der Hauptstadt seines Ländchens mit seiner Familie nach Deutschland ver schleppt worden und schließlich in Leipzig gelandet. Eine Ar beit, die seinen Fähigkeiten entsprochen hätte, war ihm nie an­geboten worden, wohl aber ein Dokument zur Unterschrift, das ihn zum deutschen Staatsbürger gemacht hätte. Dr. Welter lehnte mit dem Hinweis auf den Diensteid, den er seiner Groß­herzogin geleistet habe, diese seltsame Beförderung ab und wurde daraufhin wegen, Beleidigung der NSDAP . und des Ortsgruppenleiters von Mölkau bei Leipzig ' der Gestapo aus­geliefert.

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Der Hauptkalfaktor des Polizeigefängnisses war Roßberg, ein Mann, der auch schon viele Jahre von der Gestapo festge­halten wurde. Er gehörte gewissermaßen zum Stabe des Leut­nants Schnabel und teilte unbestechlich die Verpflegung an die Gefangenen aus, so daß es den Herren Wachtmeistern fast un­möglich wurde, mit Wurst, Käse oder Butter unbeobachtet aus dem Hause zu kommen. Er war bei den Gewohnheitsdieben dieser Klasse daher wenig beliebt; aber man wagte doch nicht, diese Abneigung spüren zu lassen oder gar offen gegen ihn aufzutreten, da er im Vorsteher immerhin einigen Rückhalt hatte. Im übrigen verließ sich Roßberg nicht allzu sehr auf diesen Rückhalt. Er wußte sehr wohl, was er von Schnabel zu halten hatte, wenn es sich um Entscheidungen gegen Beamte handelte. In diesem Hause wußte eben jeder von jedem zu viel,

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